Hamburg

Mit dem Kino Herzen öffnen

Feo Aladag hat mit „Der Andere – Eine Familiengeschichte“ einen Film über unbegleitete Flüchtlinge gedreht

Hamburg. Die bekanntesten Filme der Regisseurin Feo Aladag sind die Dramen „Die Fremde“ und „Zwischen Welten“. Sibel Kekilli gewann 2010 den Deutschen Filmpreis für „Die Fremde“. Jetzt hat sich die promovierte Psychologin unbegleiteter Flüchtlinge angenommen. „Der Andere – Eine Familiengeschichte“ erzählt eine Drei-Generationen-Geschichte voller unterdrückter Schuld. Die Besetzung ist sehenswert. Neben Jesper Christensen, Katja Riemann, Milan Peschel, Karoline Eichhorn und Lars Rudolph spielt auch Nama Traore, ein Flüchtling aus Mali. Der Film lief gerade bei den Filmtagen in Hof. Das ZDF zeigt das Drama am 21. November um 20.15 Uhr. In Hamburg ist er auch im Kino zu sehen: Am Dienstag stellt Aladag den Film mit ihrem Team im Abaton vor.

Sie haben drei Kinder, jetzt eigentlich vier, denn Sie haben den Flüchtling Nama bei sich aufgenommen, der im Film eine der Hauptrollen spielt. Wie funktioniert das?

Feo Aladag: Ja, Nama hat ein paar Monate bei mir gewohnt. Jetzt hat er eine eigene Wohnung, aber ist oft bei uns. Nama möchte Altenpfleger oder Kindergärtner werden und geht ganz großartig mit meinen Kindern um.

Sie sind beruflich stark gefordert. Wie geht es trotzdem?

Mit täglichem Organisationswahnsinn. Wie wahrscheinlich jede berufstätige Mutter habe auch ich manchmal das Gefühl, nicht allem gerecht werden zu können. Das gehört wohl dazu. Ich liebe meine Berufe als Produzentin, Regisseurin und Drehbuchautorin. Wenn man ehrlich ist, bleibt da immer eine Zerrissenheit. Ich glaube, unser eigener Anspruch als Frauen ist oft, alles perfekt unter einen Hut kriegen zu wollen: eine tolle Mutter, eine tolle Frau und toll im Berufsleben zu sein. Immer sind da die Zweifel, ob man allen Menschen, die man liebt und die einen umgeben, auch wirklich gerecht wird.

Sie müssen gelegentlich, wie jetzt in Hof, auf rote Teppiche. Mögen Sie den Glamour an Ihrem Beruf, oder sind Ihnen unglamouröse Auftritte lieber?

Das variiert. Ein toller roter Teppich auf der Berlinale macht mir wahnsinnig Spaß. Es ist schön, wenn man sich vor dem Ereignis verneigt, insofern ist Glamour schön und wichtig. Als Filmemacherin finde ich es aber oft entspannter und näher an der Sache, wenn es bei Festivals anders zugeht. Wenn es einzig nur ums Filmemachen geht, finde ich es am schönsten.

Fast Jeder Regisseur sagt über seinen neuen Film: Dies ist mein persönlichster. In Ihrem Fall scheint es bei diesem Film wirklich zu stimmen. Wie kam es dazu?

Vor zwei Jahren hat meine Cousine zusammen mit einer Freundin in ihre Küche in Berlin zu einer Suppe eingeladen. Es kamen Menschen aus verschiedenen Branchen, Medienschaffende, Banker, Rechtsanwälte, Künstler. Ziel war das Netzwerken. Schon damals war klar, dass eine Welle von jungen, unbegleiteten Flüchtlingen kommen würde. Viele haben aus der Praxis berichtet, dass sie Räume suchen und versuchen, edukative Strukturen aufzubauen. Das hat mein Interesse geweckt. Ich wollte danach gern mit diesen jungen Leuten selbst sprechen. Das konnte ich dann im Berliner Verein Evin, wo man betreutes Wohnen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge anbietet. Dort habe ich endgültig Feuer gefangen.

Was war Ihr Ziel?

Ich bin keine Politikerin oder Bankerin, meine Mittel sind die der Kommunikation. Zuerst wollte ich gar keinen Film über das in den Medien ohnehin strapazierte Thema machen, aber durch die Begegnungen ist in mir das Gefühl gewachsen, meinen Fragen dazu jetzt nachgehen zu wollen. Deshalb habe ich diesmal auch keinen Kinofilm gemacht, sondern bin mit der Idee zu meinen Partnern beim Fernsehen gegangen: Der Film sollte jetzt an die Öffentlichkeit kommen, nicht erst in drei Jahren.

Haben Sie versucht, mit Ihrem Film aus einer Katastrophe Kunst zu machen?

Ich habe wohl eher versucht, ihr ein menschliches Gesicht und Individualität zu geben. Im Einfachen und ­Konkreten kann man besser politische Fragen stellen als in einem wahnsinnig komplexen, verkopften Film, der den Weg nicht ins Herz und ins Gefühl ­findet.

„Der Andere – Eine Familiengeschichte“ Di, 1.11., 20.00, Abaton Kino