Hamburg

Wenn Glaube das Publikum verzückt

Der Entertainer Jan-Christof Scheibe glänzt im Gruenspan mit seinem Solo „Ogoddogott“

Hamburg.  Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Jan-Christof Scheibe will eigentlich nur fix den nächsten ICE erreichen, als er an einer Ampel von zwei Scheinwerfern geblendet wird und ein Werbeauto vor sich sieht – und die letzte Sekunde seines Lebens: „Ogoddogott“, denkt sich Scheibe. Statt im Nirwana landet er in einer Art Zwischenwelt. Und in der startet der „Stuntman des Lebens“, wie sich Scheibe auch nennt, einen Trip, auf dem der Hamburger Musiker und Comedian Wege aus der religiösen Beziehungskrise sucht. Wenn er das Publikum jedes Mal erreicht wie bei der gefeierten Uraufführung im Gruenspan – dann halleluja.

Nicht nur, weil der für Scheibe eigens bestuhlte Kiezclub mit Säulen einer Kirche ähnelt, passt das „Ogoddogott“-Programm hierhin wie die Faust aufs Auge. „Ich will sofort mit Gott sprechen, ich zahle immerhin noch Kirchensteuer!“, ruft Scheibe. Dass der Entertainer von kirchlichen Backstage-Erfahrungen als Spross eines Organisten und junges Mitglied eines Kinderchores ausgeht, macht sein Soloprojekt umso glaubhafter. Er beichtet, wie er einst Playmobil-Figuren ins Taufbecken tauchte, sitzt nun auf seinem (Show-) Flügel wie auf einer Kirchenbank oder stimmt zur Akustik-Gitarre ein parodistisches Kirchenlieder-Medley an – hier muss weiß Gott keiner Sorge haben, bekehrt zu werden.

Scheibe versteht es, zwei Stunden lang, im mit Regisseur Lukas Langhoff bis ins Detail ausgearbeitetem Zusammen- und Wechselspiel aus Erzählungen, theatralen Szenen, abwechslungsreichen Liedern (mit Keyboard, E-Gitarre und Loop-Maschine) sowie Sound- und Lichteffekten zu unterhalten. Auch wenn er den Vergleich der Kirche zum Fußball mit dem „FC Christus“ fast überstrapaziert, sei ihm noch öfter ein ausverkauftes „Stadion“ gegönnt: In von Scheibe treffend verkörperten Mitspielern wie eitlen Pastoren, einem ­Guru, einer Religions­beraterin, US-TV-Prediger Bob und dem besungenen „Arne der Schamane“ hat er ein starkes Team.

„Es müsste ein Bewertungssystem für Religionen geben wie bei Amazon“, nimmt Scheibe auch den Online-Wahn aufs Korn. Eine Rangliste aufzustellen für Christentum (evangelisch und katholisch), Hinduismus, Judentum, Islam und Buddhismus, davor hütet sich Scheibe gottlob. Stattdessen sprechen Songs wie „Re-inkarnation“, „Alles ist Eins“ oder „Etwas Großes“ für sich und ihn. Und manche getaufte Playmobil-Figur hält länger als erwartet, wie sich am Ende erweist.

„Ogoddogott“ wieder Mo 31.10. + Do 3.11., bis 20.12., jew. 20 Uhr, Gruenspan, Gr. Freiheit 58, Karten zu 19,- (erm.) bis 27,-; www.scheibe.de

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.