Hamburg

Zwischen Babybrei und Bauchgefühl

Seit 50 Jahren gibt es die Zeitschrift „Eltern“. Die Themen aber, die das Magazin behandelt, haben sich deutlich geändert

Hamburg.  Manche Dinge ändern sich nie. Eine Schwangerschaft dauert neun Monate. Babys tragen Windeln, vom nächtlichen Durchschlafen halten sie meist wenig. Über Jahrzehnte hinweg eine Familienzeitschrift zu produzieren, in der es um dicke Bäuche und Babys ersten Brei geht, mag auf den ersten Blick etwas eintönig erscheinen.

Bei genauem Hinsehen ist aber das Gegenteil der Fall. Was früher als normal galt, bewegt sich heute zwischen schlechtem Stil und Leichtsinn. Was sich in der Vergangenheit niemand zu fragen traute, findet sich heute in jedem Mama-Blog hundertfach kommentiert.

„Früher haben wir den Eltern gesagt: ‚Probier doch mal dies aus, versuch doch mal das.‘ Heute sagen wir ihnen: ‚Lass vielleicht mal dies alles weg‘“, sagt Marie-Luise Lewicki, seit 13 Jahren Chefredakteurin von „Eltern“. Vor 50 Jahren kam das Heft aus dem Haus Gruner+Jahr erstmals auf den Markt – bis heute ist „Eltern“ mit rund einer Million Lesern Marktführer (es sind vor allem Leserinnen, aber rund 25 Prozent der Väter lesen mit) und eine Instanz, wenn es um Beikost, Blasensprung und Brustentzündung geht.

Waren junge Eltern in den Anfangsjahren der Zeitschrift vor allem stark informationsbedürftig (Was passiert ei-gentlich bei einer Geburt?), sieht Chefredakteurin Lewicki eine Hauptaufgabe des Magazins heute darin, Eltern Mut zu machen, wieder auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen. Komplexität zu reduzieren. Den hohen Anspruch an sich selbst ein wenig herunterzuschrauben. Denn gestresste Eltern sind ein Phänomen der Gegenwart. „Schlaflosigkeit gab es früher natürlich auch. Aber die Erschöpfung, das Gehetztsein, die Überforderung sind Erscheinungen der letzten Jahre“, sagt Lewicki. Die Überforderung beginnt relativ harmlos bei einer Auswahl von 280 Gemüsegläschen im Drogeriemarkt und findet ihren Höhepunkt in gar nicht mehr spaßigen Burn-out-Fällen und den Komplettausstieg von Müttern aus dem Berufsleben, die sich der Doppelbelastung Job und Familie nicht mehr länger aussetzen wollen.

Hier wolle man Lösungsansätze zum Wohle der Familie finden, so Lewicki. „Eltern“ hat sich immer als „Anwalt der Familien“ verstanden. Als das Magazin 1966 erstmals erschien, war der meistgelesene Ratgeber Johanna Haarers „Die Mutter und ihr erstes Kind“. Haarer war überzeugte Nationalsozialistin, das Buch drehte sich allein um Disziplin und Gehorsam. „Eltern“ kam der Sehnsucht junger Paare entgegen, es ganz anders zu machen als die Vorgängergeneration. Mehr Nähe zum Kind, mehr Natürlichkeit. „Eltern“ setzte sich für die Abschaffung der Kreißsäle ein, für eine selbstbestimmte Geburt.

Auch für eine gewaltfreie Erziehung machte sich das Familienmagazin von Anfang an stark. „Es ist etwas anderes, ob einer Mutter oder einem Vater aus Versehen die Hand ausrutscht und er oder sie es hinterher bedauert. Oder ob ich mein Kind mit dem Bewusstsein schlage, es damit erziehen zu wollen“, erklärt Chefredakteurin Lewicki, selbst Mutter eines heute 30 Jahre alten Sohnes. In Deutschland wurde das Gebot der „gewaltfreien“ Erziehung im Jahr 2000 gesetzlich verankert, in Frankreich war dies erst in diesem Jahr der Fall. Nicht nur die Ohrfeige als Erziehungsinstrument gilt unter modernen Eltern als verpönt. Auch bei vielen anderen pädagogischen Sujets haben sich Grenzen und Tabus verschoben.

„Darf mein Kind mich nackt sehen?“, titelte „Eltern“ in den späten 60er-Jahren – und bis in die 90er-Jahre hinein liefen die Kinder ganz selbstverständlich in der warmen Jahreszeit nackt herum. Heute sind sie wieder zunehmend bekleidet. „Es gibt auf unserer Facebookseite jedes Jahr wilde Diskussionen darüber, ob Kinder am Strand nackt herumtoben dürfen“, sagt Lewicki. Dahinter stecke Angst vor Pädophilen sowie der unkontrollierbaren Verbreitung von Fotos. Auch die Diskussion ums (öffentliche) Stillen verläuft in rasantem Zickzackkurs. Galt Flaschennahrung in den 60er und 70er als moderne Art der Babyernährung, werden Mütter heute schief angeguckt, die ihrem Säugling Fläschchen statt Brustwarze in den Mund schieben. Stillen auf öffentlichen Plätzen wird dagegen um einiges kritischer beäugt als es vor Jahrzehnten der Fall war. Stilltücher und Stillumhänge sind die Antwort des Babyfachhandels auf diese Stimmung.

Dauerfrage im Elternkosmos: In welchen Lebenszeitabschnitt fügt sich ein Baby am besten? Vor Aufkommen der Pille hatte die Natur in dieser Frage ihre eigenen Pläne, seither hat sich die Suche nach dem idealen Zeitpunkt zu einer Wissenschaft für Fortgeschrittene entwickelt. Die Tatsache, dass viele Mütter bei der Geburt des ersten Kindes weit über 30 Jahre alt sind, beweise, dass Selbstbestimmtheit in dieser Hinsicht Fluch und Segen zugleich für Familien sei, findet Lewicki: „Paare warten heute immer länger auf den exakt richtigen Zeitpunkt. Dieser Perfektionsanspruch wirkt sich auch auf den Umgang mit dem Kind aus.“ Schließlich gilt in der Regel: Je länger man sich mit dem Kinderwunsch beschäftigt hat, desto höher sind oft die Ansprüche an die eigenen Elternfähigkeiten.

Womit auch das Kernthema von „Eltern“ benannt wäre, das sich in fünf Jahrzehnten kaum verändert hat: Wie bringe ich die unterschiedlichen Bedürfnisse dreier Menschen in Einklang? Wie gelingt der Übergang von einer Paarbeziehung in den Familienalltag?

„Wir sind weit davon entfernt, Familien zu sagen, wie sie zu leben haben. Wir konzentrieren uns auf die Dreiecksbeziehung Vater-Mutter-Kind. Der Rest sind Ausführungsbestimmungen“, beschreibt Chefredakteurin Lewicki die Intention der Zeitschrift.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich „Eltern“ auch deutlich vom Familien-Lifestyle-Magazin „Nido“ aus dem eigenen Verlagshaus, das gern Großfamilien auf Weltreise zeigt und selbstgeschreinerte Kinderhochbetten in fußballplatzgroßen Lofts. „Nido ist deutlich elternzentrierter und steht für einen ganz bestimmten Lebensstil. Wir wollen es lieber den Eltern überlassen, ob sie sich ein 5000 Euro teures Kinderzimmer kaufen oder das Baby auf einer Matratze im Elternschlafzimmer schlafen lassen“, sagt Lewicki.