Hamburg

Familiäre Abgründe

Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ holt das Publikum auf die Schauspielhausbühne

Hamburg. Man kann sich ihnen nicht entziehen, den Gespenstern der Vergangenheit. Drückend hängt der riesige Vollmond über der Kulisse, einer Hausfassade, „wie ein Leichentuch legt sich der Nebel über alles“, das Dröhnen des Nebelhorns fährt einem in die Eingeweide. Rotäugig und aschfahl irrt Lina Beckmann durch das nur halb besetzte Parkett, immer wieder hält sie sich Ohren und Augen zu, ihre Stimme kommt zunächst vom Band, „Wir können nicht vergessen, das macht es so schwer für uns alle.“ Schon verschwindet sie wieder hinter der Hauswand. Man hört Geschirrgeklapper, morgendliche Frühstücksroutinen, sieht durch ein Fenster die Familie beim Tischdecken, als Felix Knopp im Indianerputz vor die Tür tritt. Er ist Jamie, ältester Sohn des Hauses, der schließlich mit spöttischem Unterton und einladender Armbewegung das gesamte Publikum auf die Bühne bittet: „Kommen Sie doch mit! Wir sind eine Schauspielerfamilie. Wir mögen das.“

Die Zuschauer werden mitten in den Kulissen platziert

Und so machen sich die Zuschauer auf, die Sichtachse zu wechseln. Direkt auf der Bühne werden sie platziert, mitten im Bühnenbild von Thilo Reuther, teils auf Sesseln und Sofas, fast am Esstisch, der wie ein Extrapodest funktioniert. Es ist der Clou der Inszenierung. Karin Henkel – eine der erfolgreichsten Regisseurinnen der vergangenen Jahre, unter anderem wurde ihre famose Schauspielhaus-Arbeit „John Gabriel Borkman“ 2015 zum Berliner Theatertreffen eingeladen – baut eine aufdringliche, schonungslose Grundsituation, um diese bis ins Letzte verkorkste Familiengeschichte zu erzählen: Eugene O’Neills autobiografisches „Eines langen Tages Reise in die Nacht“.

Henkel schafft damit Intimität und totale Ausgestelltheit zugleich, ein Konzept, das sich sofort erschließt. „Ihr müsst mich wirklich nicht die ganze Zeit beobachten“, beschwert sich die nervös im Morgenmantel herumgeisternde Mutter Mary (Beckmann) folgerichtig, was zuallererst ihren Söhnen und dem Mann gilt, die im heruntergekommenen Sommerhaus der Tyrones argwöhnisch auf einen Rückfall der Morphinistin lauern. Vater James (Charly Hübner) ist ein gebrochener Tourneeschauspieler, der seine Kunst dem finanziellen Erfolg geopfert hat. Er ist wie seine Söhne dem Whisky verfallen. Grund zum Saufen haben sie alle: Jamie, der ältere, ist ebenfalls Schauspieler, erfolglos und unbegabt, was ihm sein Vater nicht verzeihen kann. Sein Bruder Edmund (Christoph Luser) leidet an Tuberkulose, was seine nervenschwache Mutter, die einen Sohn bereits als Kleinkind verlor, hartnäckig als Erkältung verharmlost.

Es ist eine Spirale aus (Selbst-)Täuschungen und (Selbst-) Mitleid, aus gegenseitigen Verletzungen und Erniedrigungen, die sich immer tiefer in die Verzweiflung schraubt. Ein Familienmuster, aus dem schon lange keiner mehr ausbrechen kann, von Literaturnobelpreis- und Pulitzerpreisträger O’Neill beispielhaft an einem langen Tag erzählt.

Der Abend verlangt den Darstellern einiges an Wahrhaftigkeit ab. „Keine Rettung, für niemanden“, beschreibt Jamie an einer Stelle die existenzielle Tragödie. Und eben das, dieses Unentrinnbare, das Gefangensein im Schmerz und in der eigenen Sucht, die Sprunghaftigkeit der Stimmungen, spielt vor allem Lina Beckmann mit nahezu kindlicher Aufrichtigkeit in der ihr eigenen Körperlichkeit und in bisweilen kaum zu ertragender Intensität. Karin Henkel bremst sie darin nicht, sie lässt sogar eine ganze Zombie-Parade aus Mary-Lookalikes aufmarschieren, um den beklemmenden Effekt zu verstärken.

Charly Hübner, hochpräsent wie stets, ist James, der dem eigenen Geiz nicht entrinnen kann, körperlich stark, emotional schwach. Seinen Whisky teilt er auch mit den Zuschauern, eine ganz hübsche, allerdings auch etwas retardierende Idee, die eine Nähe zu den Figuren eher bremst. Wie auch ein eingebauter Hänger (dass hier auch das Theater verhandelt wird, hatte man schon begriffen), wie auch der Part, in dem Felix Knopp atemlos die Biografie O’Neills verliest. Falls jemand keine Programmhefte mag? Weil umso deprimierender wirkt, was so viel Realität in sich trägt? Nötig gewesen wäre dieser (kurze) Volkshochschulexkurs nicht. Es gelingt sowohl dem Text als auch den Schauspielern mit ihrer „Scheißschauspielkunst“ (Knopp), diese Wahrheit zu transportieren, die man am Ende doch vor allem spüren und nicht zwingend wissen muss.

Der Abend zerfasert ein wenig, vor allem im zweiten Teil, hat aber neben dem meist starken Ensemble einen zusätzlichen Star zu bieten: das prachtvolle Schauspielhaus selbst. Immer wieder fährt der eiserne Vorhang hoch und gibt die Sicht frei auf die neobarocke Opulenz des leeren Zuschauerraums. Lohnt es sich also, diesen (zur Premiere mit viel Applaus bedachten) Abend trotz schleppender Momente, trotz Längen und Übertreibungen anzuschauen? Das tut es. Für die Schauspieler – und ganz unbedingt für einen der wirklich allerschönsten Ausblicke, die man in Hamburg haben kann.

Eines langen Tages Reise ... Schauspielhaus, die nächsten Vorstellungen sind ausverkauft, weitere Termine werden Ende Oktober online veröffentlicht: www.schauspielhaus.de