Hamburg

Überdreht wie ein Film von Tarantino

Victor-Bodes-Gogol-Abend „Pension zur Wandernden Nase“ im Malersaal ist ein grotesk-komischer Spaß

Hamburg.  Sieht Suffkopp Aljoscha (Aljoscha Stadelmann) weiße Mäuse oder steckt da wirklich eine Nase in dem Brotlaib? Seine Frau, die Pensionswirtin (Ute Hannig), glaubt ihm nicht und schimpft ihn einen Säufer. Doch gleich darauf huscht ein Mann über die Bühne, der sich die Hand vors Gesicht hält – und dem offensichtlich etwas fehlt. Die Nase ist der Running Gag des Gogol-Abends „Pension zur Wandernden Nase“. Nach einer Stückfassung des ungarischen Autors Péter Kárpáti hat sein Landsmann Victor Bodo ein Stück auf die Bühne des Malersaals gebracht, das Motive aus Gogols Erzählung „Die Nase“, seinem Einakter „Der Spieler“ und anderen Texten verknüpft.

Aus diesen Vorlagen machten Regieteam und die acht Schauspieler einen höchst unterhaltsamen Theaterabend voll überraschender Wendungen. Sie brauchen dafür nur die Gedankengänge von Nikolai Gogol (1809–1852) weiter auf die Spitze zu treiben, denn der russisch-ukrainische Schriftsteller ist ein Vorläufer des Surrealismus und ein früher Meister des Absurden. Gesetze der Logik haben in seinen Geschichten und Stücken keine Bedeutung mehr. Entsprechend frech und frei gehen auch Victor Bodo und das Ensemble mit den Texten des später an Schizophrenie erkrankten Schriftstellers um.

Im Mittelpunkt des Abends steht eine Pokerrunde, in der ein gewiefter Spieler (Samuel Weiss) versucht, seine Mitspieler mit vielen Tricks und Bluffs auszunehmen. Jeder in dieser Runde ist von Gier getrieben, und der Spieler merkt in seiner Überheblichkeit nicht, wie er selbst über den Tisch gezogen wird, bis er nichts mehr hat. Außer seiner Nase. Das Kartenspiel wird zur politischen Farce, als der Profispieler dem Kremlchef (Michael Prelle) gegenübersitzt, der nicht nur Länder wie Georgien, Weißrussland und Teile der Ukraine als Einsatz auf den Tisch bringt, sondern auch den Atomschlüssel.

Regisseur Bodo hat noch eine Vielzahl anderer komischer Einfälle, manchmal wirkt seine Inszenierung so überdreht wie ein Tarantino-Film.

Dass die „Pension zur Wandernden Nase“ zu so einem grotesk-komischen Theaterspaß wird, liegt auch an dem herausragenden Schauspieler-Ensemble, zu dem noch Karoline Bär, Andreas Grötzinger, Paul Herwig und Bastian Reiber gehören. Ob akribisches Zählen von Streichhölzchen, völlige Entgleisung nach Hardcore-Wodka-Exzess oder Wiederbelebungsversuche auf dem Pokertisch, diese Schauspieler lassen jede Situation so eskalieren, dass es einem vor Lachen die Tränen in die Augen treibt. Nachdem Victor Bodo 2015 dem Schauspielhaus mit dem Kafka-Stück „Ich, das Ungeziefer“ bereits einen Hit beschert hatte, folgt mit dem Gogol-Abend nun der zweite Erfolg.

Vorstellungen am 17./18.10. ausverkauft, Restkarten am 19.10., 20 Uhr