Hamburg

Anekdoten eines Drachentöters

Wolf Biermann stellt seine Autobiografie im Thalia Theater vor

Hamburg. Bester Freund und stärkste Waffe zugleich: Wolf Biermann und seine Gitarre gehören unweigerlich zusammen. Am gestrigen Sonntagvormittag allerdings steht der selbst ernannte Drachentöter ohne sein „klingendes Holzschwert“ auf der Bühne des Thalia Theaters. Im Gespräch mit Joachim Lux präsentiert der Liedermacher seine jüngst veröffentlichte Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten“, es liest Burghart Klaußner – großartig, natürlich.

Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag zieht Biermann in dem fast 600 Seiten schweren Werk Bilanz. Stellvertretend erzählt er dabei die deutsch-deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, aber eben auch die eigene, ganz persönliche. Und so plaudert das „grau gewordene Kind“ (Biermann über sich) während der Matinee voller Vitalität über den „innig vertrauten, fremden Vater“, das Urvertrauen zu seiner Mutter und das Gefühl von Geborgenheit inmitten des Weltuntergangs. Temperamentvoll erzählt er vom Leben zwischen Ost und West, reiht Anekdote an Anekdote und entzückt mit dem sächsischen Dialekt der Großmutter Meume. Auch die ein oder andere Strophe stimmt er an, nur eben ohne Gitarre. Der linke Zeigefinger ist verletzt, laut Biermann aber kein Grund zur Sorge: „Die Lieder klau’n der Prosa die Schau!“ Also begeistert er das Publikum mit seinen Erzählungen voller Selbstwitz und Ironie – und büßt bei allem Humor doch nichts von der schönen, eigentümlichen Melancholie ein, die ihn stets durchs Leben trieb. „Todtraurig und voller fröhlicher Hoffnung“ steht er da, der bekehrte Kommunist.

Und so ist am Ende eigentlich alles wie immer: „Wolf Biermann spielt Wolf Biermann“, um mit Marcel Reich-Ranicki zu sprechen. Das funktioniert auch ohne Klampfe.

Sonderkonzert zum 80. Geburtstag
So 20.11., 20.00, Thalia Theater