Ausstellungen in Hamburg

Museen zeigen erste menschliche Kunstwerke

Der Archäologe Michael Merkel in der Ausstellung „Die Kunst der Mammutjäger“ im Archäologischen Museum in Harburg

Der Archäologe Michael Merkel in der Ausstellung „Die Kunst der Mammutjäger“ im Archäologischen Museum in Harburg

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Um die „Kunst der Mammutjäger“ geht es im Archäologischen Museum. Völkerkundemuseum befasst sich mit „Menschen des Nordlichts“.

Wenn man die kleine, nicht einmal zehn Zentimeter hohe Skulptur betrachtet, lässt sich die erotische Komponente schon wegen der üppigen Brüste nicht leugnen. Doch während der Oberkörper ziemlich naturgetreu geformt ist, ist das Becken übertrieben vergrößert – ist die Figur also in erster Linie ein Fruchtbarkeitssymbol? Der Künstler kann uns die Antwort nicht mehr geben. Er ist gestorben – vor etwa 25.000 Jahren. Doch seine (oder ihre?) aus Mammutelfenbein gefertigte erstaunliche Skulptur hat die Jahrtausende überstanden und ist Teil der spektakulären Doppelausstellung, die am kommenden Dienstag eröffnet wird: Um die „Kunst der Mammutjäger“ geht es im Archäologischen Museum in Harburg; das Völkerkundemuseum befasst sich mit den „Menschen des Nordlichts“. Dort sind Kleidung, Handwerkszeug und Kunstwerke der indigenen Polarvölker vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu sehen.

„Es ist schon etwas sehr Besonderes, was wir zeigen können“, sagt der Archäologe Michael Merkel. Nun ist es nichts Besonderes, wenn ein Ausstellungsleiter das behauptet, aber in diesem Fall tut er es völlig zu Recht. Denn es sind sämtliche rund 100 Stücke der Eiszeitkunst aus der Kunstkammer St. Petersburg zu sehen. Sie alle sind zwischen 23.000 und 19.000 vor Christus entstanden und wurden noch niemals zusammen im Ausland gezeigt. „Sie gehören zu den ältesten Werken figürlicher Kunst der Menschheitsgeschichte“, sagt Merkel. Ihr Wert ist in Geld kaum zu bemessen. Versichert werden müssen sie trotzdem – mit einem sehr hohen Millionenbetrag.

Dass sie alle in Hamburg gezeigt werden können, darf durchaus als kleine Sensation bezeichnet werden. Ermöglicht wurde es dank der exzellenten Kontakte, die der frühere Direktor des Völkerkundemuseums Wulf Köpke zur Kunstkammer und ihrem Direktor Yuri Chistov hat. Der öffnete der Hamburger Delegation bereitwillig alle Schränke und Vitrinen. „Das war schon ein besonderer Moment, denn üblicherweise hüten Direktoren ihre Schätze sehr eifersüchtig“, sagt Merkel, der in Petersburg dabei war. „Richtig erstaunt waren wir aber erst, als er einwilligte, alle Stücke als Leihgabe nach Hamburg zu schicken.“

Künstler der Eiszeit weitgehend unbekannt

Die am Westufer des Don gefundenen Skulpturen sind aus Elfenbein, Knochen oder Stein geschnitzt und gehauen. Oft sind es Mammuts, Pferde oder Löwen, die dargestellt sind, aber auch (meist abstrakte) Frauenfiguren gehören dazu. Einige haben erstaunliche Ähnlichkeit mit Werken von Bildhauern der Moderne. „Es ist ziemlich offensichtlich, dass manche sich Inspiration bei den ältesten Bildhauern der Geschichte geholt haben“, so Merkel.

Über die Künstler der Eiszeit wissen wir so gut wie nichts. „Ob die Skulpturen auch religiöse Bedeutung hatten, ob die Schnitzer verehrt oder belächelt wurden, darüber können wir nur mutmaßen“, sagt Merkel. Allein die Tatsache, dass die Eiszeitmenschen trotz der lebensfeindlichen Umwelt Zeit und Muße gefunden haben, sich der Kunst zu widmen, mag schon erstaunen. Es muss sich wohl um ein menschliches Grundbedürfnis handeln.

Es gibt immerhin einige Hinweise über das Zusammenleben der Menschen, die in Sippen von vielleicht 20 bis 30 Personen als Jäger durch die Lande zogen. „Der Stil der Kunstwerke aus weit entfernten Regionen ist so ähnlich, dass wir davon ausgehen, dass es einen Austausch gegeben haben muss.“ Einen friedlichen, wie Merkel vermutet. So könnten sich Sippen regelmäßig mit anderen getroffen haben. „Am wichtigsten war der Austausch von Menschen, um Inzucht zu vermeiden“, sagt der Forscher. Und mit den Menschen sind dann eben auch technische und künstlerische Fähigkeiten transferiert worden.

Ähnlich könnte es auch rund 10.000 Jahre später in der Region des heutigen Hamburg zugegangen sein. „Aus dieser Zeit stammen die ältesten Funde Norddeutschlands. Damals ist das Eis zurückgegangen, und die Menschen haben Nordeuropa besiedelt“, erklärt Merkel. In der Ausstellung werden Stücke mehrerer bedeutender Fundorte gezeigt: der sogenannten Hamburger Kultur (etwa 12.700 bis 11.900 v. Chr.) und der jüngeren Ahrensburger Kultur (11.000 bis 9300 v. Chr.).

Diese Steinzeitmenschen jagten Rentiere, stellten ihre Werkzeuge und Artefakte aus deren Knochen und aus Stein her. Auf den ersten Blick wirken die Fundstücke primitiver als die sehr viel älteren der Mammutjäger. Gab es einen Rückschritt in der Entwicklung? „Das wäre eine sehr gewagte These“, sagt Merkel. „Es gibt ja nur wenige Fundstücke – und daraus sollten wir keine voreiligen Schlüsse ziehen. Das weitaus meiste liegt noch unter der Erde oder ist zerstört.“

Sehr viel jünger, aber nicht weniger faszinierend sind die Stücke, die im Völkerkundemuseum zu sehen sind. Sie beleuchten die Lebensweise der sogenannten zirkumpolaren Völker, zu denen die Inuit gehören, aber auch die Samen, Jakuten oder Nganasanen, die in Nordsibirien leben und kostbare Schneebrillen entwickelt haben. Die Ausstellung befasst sich mit der Lebensweise, Kultur und Religion der Völker, aber auch mit der Frage, welche Rolle die Tradition heute noch für die kulturelle Identität hat.

Beide Ausstellungen laufen vom 18. Oktober bis zum 14. Mai 2017. Mehr Infos auf www.eiszeiten-hamburg.de