Hamburg

Höhepunkt des Filmfests jetzt im Kino

Oscar-Preisträgerin Andrea Arnold und Hauptdarstellerin Sasha Lane über ihr Roadmovie „American Honey“

Hamburg.  Star hat die Nase voll. Der Teenager lebt im trostlosen Muskogee in Oklahoma in den USA. Ihr alleinerziehender Vater hat keine Arbeit und begrapscht sie, wenn er mal wieder zu viel getrunken hat. Weil sonst niemand da ist, muss sich Star auch noch um ihre beiden kleinen Geschwister kümmern. Kein Wunder, dass sie die Gelegenheit ergreift, um dieses Leben hinter sich zu lassen, als sich ihr die Chance bietet. Sie schließt sich einer Gruppe Jugendlicher an und brennt mit ihnen durch.

So beginnt Andrea Arnolds Film „American Honey“. Es ist ein dreistündiges Roadmovie, das die USA zeigt, wie man dieses Land vorher selten im Kino gesehen hat, wunderschön und dann wieder erschütternd arm. Die Hauptrolle spielt furios eine 20 Jahre alte Texanerin, die vorher noch nie vor einer Kamera gestanden hat: Sasha Lane. Sie und ihre Regisseurin kamen am Wochenende nach Hamburg, um das Drama beim Filmfest vorzustellen.

Die Jugendlichen sind eine „mag crew“, eine Drückerkolonne, die in einem Minibus von Stadt zu Stadt reist, um den Leuten an der Haustür Zeitschriftenabonnements anzudrehen. Sie übernachten in billigen Motels. Der Ton ist rau, die familiäre Zusammengehörigkeit der Gruppe von Außenseitern wechselt blitzartig mit Schlägereien und rohem Sex. Chefin der Gruppe ist die undurchsichtige Krystal (Riley Keough, Elvis Presleys Enkeltochter). Für Neuanwerbungen ist Jake (Shia LaBeouf) zuständig, in den sich Star schon verliebt, als er auf den Kassen eines Supermarkts zur Musik von Beyoncés Song tanzt, in dessen Refrain es heißt: „We found love in a hopeless place“ – Liebe an einem Ort ohne Hoffnung. Es ist das Motto des Films und einer der vielen Songs eines Soundtracks, der überwiegend aus Country, Hip-Hop und R&B besteht, die während der langen Autofahrten das „Gesicht“ dieses Films mit prägen.

Andrea Arnold wirkt ein bisschen müde, denn der Film hatte am Freitag noch in London, ihrer Heimatstadt, vor vielen Freunden und Familienmitgliedern seine britische Premiere erlebt. Sie ist eine unkonventionelle Frau, die es hasst, fotografiert zu werden. In Hotels fühlt sie sich eingesperrt und ärgert sich über die vielen geraden Linien in den Zimmern – „die gibt es in der Natur ja auch nicht“. Sie ist eine Spätstarterin im Filmgeschäft, die aber umso genauer weiß, was sie will. Bevor sie Filmemacherin wurde, war sie Tänzerin in der Charts-Sendung „Top of the Pops“, dann moderierte sie Kinderprogramme im britischen Fernsehen. Als ihr dritter Kurzfilm, „Wespen“, 2005 einen Oscar gewann, war sie bereits 45 Jahre alt.

Arnold zeigt viel Herz für junge Menschen, die von Erwachsenen im Stich gelassen werden und sich unter schwierigen Bedingungen ihren eigenen Weg bahnen müssen. In den vergangenen Jahren entstanden so beeindruckende britische Sozialdramen wie „Red Road“ und „Fish Tank“, die sie als Nachfolgerin vom Altmeister Ken Loach auswiesen. Beide Filme gewannen in Cannes den Großen Preis der Jury – wie auch „American Honey“. Vielleicht, um dem drohenden Schubladendenken zu entkommen, drehte sie auch eine Adaption von Emily Brontës viktorianischem Romanklassiker „Sturmhöhe“ – ein Buch, von dem sie sagt, sie sei schon lange davon „besessen“ gewesen.

Nachdem sie diesen Film 2012 beim Sundance Festival vorgestellt hatte, hatte sie ein Schlüsselerlebnis. Als sie am frühen Morgen abreiste, ging die Sonne über den Bergen von Utah auf, es war sehr still, und es schneite. „Es war einer der Momente, in denen man einfach nur dankbar ist, dass man so etwas Schönes erleben darf“, erinnert sie sich. Das hatte Folgen. Sie ließ ihren Rückflug Rückflug sein, mietete sich ein Auto, ging in ein Schnellrestaurant und fragte die Kellnerin, wohin sie fahren solle. Sie erkundete die USA in mehreren Touren. und sagt: „Das ist ein bisschen verrückt, wahrscheinlich habe ich so auch einiges versäumt“, grübelt sie.

Sie mag keine glatten Oberflächen, Glamour ist ihr ein Gräuel. Kein Wunder, dass ihr ein Artikel in der „New York Times“ über jugendliche Drückerkolonnen im Gedächtnis blieb. Sie nahm Kontakt zu den Leuten auf, erwarb ihr Vertrauen, zog mit ihnen umher, schrieb das Drehbuch.

Filme über Amerika hätten sie stark geprägt, sagt sie. „Ich wollte schon immer mehr über das Land herausfinden, und dieser Film war eine fantastische Gelegenheit.“ Viele Mitglieder ihrer überwiegend amerikanischen Crew waren auch noch nie an den Schauplätzen im Mittleren Westen gewesen.

Hauptdarstellerin Sasha Lane fiel der Regisseurin bei einem Spaziergang in Florida auf. „Das Angebot, in einem Film mitzuspielen, war mir suspekt, andererseits hatte ich ein gutes Bauchgefühl“, erinnert sich die 20-Jährige, die eigentlich „irgendwas mit Psychologie und Sozialarbeit“ machen wollte. Die Erfahrungen der Dreharbeiten hätten sie verändert. „Ich glaube jetzt mehr an mich selbst, bin hoffnungsvoller.“ Sie steht im Zentrum der Aufmerksamkeit in diesem Film und meistert die Aufgabe ausdrucksstark und überzeugend.

Andrea Arnold erzählt Amerika von unten und damit auch die Rückseite des amerikanischen Traums. Hält sie den für überholt? „Ich glaube immer noch an das menschliche Potenzial, das den amerikanischen Traum ausmacht. Aber wie soll man sein eigenes Potenzial ausschöpfen, wenn man in einer Familie von Drogenabhängigen aufwächst und es weder Arbeit noch Geld gibt?“

Eine Kritik zu „American Honey“ lesen Sie morgen in Hamburg LIVE.