Konzertkritik

Nur Stefan Gwildis kann aus "Nö" einen Song machen

Egal wie, egal wo, Stefan Gwildis begeistert sein Publikum

Egal wie, egal wo, Stefan Gwildis begeistert sein Publikum

Foto: Sandra Ludewig / HA

Am Freitag hielt es das Publikum nicht in den Sitzen – in der Laeiszhalle, "wo schon die Callas in die Sessel gepupst hat“.

Gwildis-Fans wissen es schon: Die Konzerte der Hamburger Soulröhre fordern den ganzen Körper, inklusive Stimme. Auch am Freitag war das Publikum in der fast ausgebuchten Laeiszhalle schon beim zweiten Titel auf den Beinen - „noch ne kleine Runde grooven“. Diesmal wurde Stefan Gwildis nicht nur von seiner sechsköpfigen Band und drei Backgroundsängerinnen unterstützt, sondern stellenweise auch vom Young Spirits Gospel Choir aus Elmshorn. Und, noch überraschender, vom Gebärdenchor HandsUp. Das gesamte Programm wurde engagiert und rhythmisch von Gebärdendolmetscherinnen begleitet, ein Hingucker, der Gwildis sogar manchmal die Show stahl.

Der genoss es sichtlich. Und zeigte sich mit seinem neuen Programm „Alles dreht sich“ wieder als genauer Beobachter seiner Zeit. Alle machen Yoga, Tai Chi, Atemkurse, „um die Hektik und den Stress zu verbannen“. Aber in Hamburg gibt es eine eigene, „hanseatische Meditation“: „Schiffe gucken, Pollerhocken, Schnauze halten“. Die fröhliche Uptempo-Soulnummer hat Ohrwurmpotenzial.

Überhaupt: Wenn Stefan Gwildis das Leben und den Alltag betrachtet, entdeckt er nicht nur die ganz großen Gefühle, sondern auch das Kleingedruckte und die Halbwertzeiten. Wie in „Doppelhaushälftenherz“: Da hat der Bofrost-Fahrer nun sein Doppelhaus mit Frau, Kind und Retriever, aber das Glück schmilzt dahin wie Tifkühlkost, und die Bofrostfahrerfrau bügelt einsam vor sich hin... „Manchmal stehst du in deinem Garten und dein Blick geht himmelwärts / warum lässt man dich so lange warten, dich und dein Doppelhaushälftenherz?“ Er sei ein „Speckgürtelfrauenversteher“, meint Gwildis grinsend (das hätte er gar nicht sagen müssen).

Alles kann er in seine Stimme packen, vom Bigbandsoul bis zum Schlaflied. Und wer außer Gwildis könnte einen Song namens „Nö“ machen? Vordergründig geht es um eine Wiese, die ein Friese nicht für alles Geld der Welt hergeben will, aber Nö ist viel mehr: „Dieses Wort wie ein Stern so klar und rein / stellt die Weichen zwischen Haben oder Sein“. Die Autoaufkleber mit „Nö“ gabs draußen...

Gwildis und Band waren fast gerührt, in der Laeiszhalle spielen zu dürfen, „wo schon die Callas in die Sessel gepupst hat“. Wenn er so weitermacht, wird es nicht das letzte Mal gewesen sein. Das Publikum, warmgesungen und -gegroovt, war jedenfalls hochbeglückt nach diesem Abend.