Hamburger Krimifestival

Bei Krimis ist Charlotte Link die Nummer eins

Charlotte Link hat mit „Die Betrogene“ den meistverkauften Roman im Jahr 2015 geschrieben

Charlotte Link hat mit „Die Betrogene“ den meistverkauften Roman im Jahr 2015 geschrieben

Foto: Blanvalet Verlag

Mit „Die Entscheidung“ steht sie wieder ganz oben auf der Bestsellerliste. Am 4. November liest sie beim Hamburger Krimifestival.

Hamburg.  Sie ist die zurzeit meistgelesene deutsche Autorin. Knapp 26 Millionen Bücher hat Charlotte Link allein in Deutschland verkauft. Ihr Kriminalroman „Die Betrogene“ war laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels das am besten verkaufte Buch des Jahres 2015. Vor wenigen Tagen ist ihr neuer Roman „Die Entscheidung“ (Blanvalet) erschienen – und steht nach nur zwei Wochen auf Rang eins der „Spiegel“-Bestsellerliste. In dem Buch erzählt Charlotte Link die Geschichte des Hamburgers Simon, der während eines Kurzurlaubs in Südfrankreich die verwahrlost wirkende Nathalie kennenlernt – sie befindet sich offenbar auf der Flucht. Eine Begegnung, die unheilvolle Folgen für beide haben soll.

Kriminalromane, die in Frankreich spielen und von deutschen Autoren geschrieben sind, boomen derzeit. Jetzt haben auch Sie die Geschichte von „Die Entscheidung“ zu einem sehr großen Teil in den Süden Frankreichs verlegt. Warum das?

Charlotte Link: „Die Entscheidung“ ist nicht mein erstes Buch, das in Südfrankreich spielt, ich hatte diese Gegend vor Jahren schon zweimal als Schauplatz einer Krimihandlung. Der Grund ist einfach: Ich habe seit 16 Jahren einen Zweitwohnsitz in der Provence und verbringe dort sehr viel Zeit. Insofern ergibt es sich, dass mir auch dort Themen einfallen und dass sie manchmal mit dem Ort verbunden sind.

Krimifestival 2016: Hier geht's zum prallen Programm

Das Frankreich, das Sie schildern, versinkt im Regen. Nichts mit mediterranen Aromen und Sonne des Südens. Ist das ein bewusster Kontrapunkt zu den meist sonnendurchglühten Kriminalromanen einiger Ihrer Kollegen?

Ich wollte mich nicht bewusst abgrenzen. Aber ich kenne die Provence nun einmal zu jeder Jahreszeit und weiß, dass sie vollkommen anders sein kann als voller Sonne und mit blauem Himmel und zirpenden Zikaden. Sie kann grau und trostlos und wirklich niederdrückend sein. Warum sollte man dieses Bild nicht auch beschreiben?

In „Die Entscheidung“ führen Sie ein Ensemble schillernder Charaktere vor: Da ist der „arme“ Simon, der Weihnachten allein in Südfrankreich verbringt und dabei in haarsträubend-gefährliche Situationen gerät, dann ist da die bedauernswerte Nathalie, verwahrlost und auf der Flucht ebenso wie die gequälte Selina – haben Sie in Ihren Romanen, speziell natürlich in „Die Entscheidung“, eigentlich Lieblingsfiguren?

Ich empfinde meine Figuren nicht so pauschal als „arm“, „bedauernswert“ oder „gequält“. Sondern jede für sich als sehr vielschichtig, in Teilen widersprüchlich und in seinen Verhaltensweisen ambivalent. Als ein ganz normaler Mensch, selbst immer wieder zweifelnd und fragend, kann ich jede meiner Figuren verstehen, aber manche sind mir näher oder vertrauter. In „Die Entscheidung“ liegt mir Simon sehr am Herzen, ich kann sein Bedürfnis, es jedem recht machen zu wollen, nachvollziehen – ich bekämpfe diesen Zug bei mir selbst seit Jahrzehnten.

Wie entstehen eigentlich Ihre Figuren? Sind sie einfach da?

Sie sind tatsächlich einfach da, einige schon bevor ich das Buch zu schreiben beginne, andere tauchen während des Schreibprozesses auf. Sie sind aber zunächst noch eher schattenhaft, manche etwas klarer umrissen, andere weniger. Und dann lasse ich sie agieren und konfrontiere sie – mit den Geschehnissen und miteinander. Daraus entsteht das berühmte „Eigenleben“ von Romanprotagonisten. Sie entfalten sich an dem, was geschieht, was sie erleben, was sie voranbringt und was sie zurückwirft. Sie werden dabei immer selbstständiger und eigenwilliger.

In „Die Entscheidung“ geht es – ohne zu viel zu verraten – auch um Mädchenhandel. Gab es für Sie einen bestimmten Auslöser, sich dieses Themas anzunehmen?

Ich wurde zweimal kurz hintereinander zufällig sehr konkret mit diesem Thema konfrontiert, und dadurch begann ich mich zunächst innerlich damit zu beschäftigen. Das Buch selbst wurde aber von einem ganz anderen Gedanken in-spiriert: Von Simon und Nathalie, zwei Menschen, die über fast fünfhundert Seiten nicht wissen, wer sie verfolgt und warum. In deren Leben sich Sicherheit und Berechenbarkeit vollständig auflösen und die deshalb nicht nur in Lebensgefahr geraten, sondern sich auch zunehmend mit der Frage beschäftigen müssen, was sie selbst dazu beigetragen haben, plötzlich Opfer zu sein – und ob das überhaupt „plötzlich“ ist.

Wie würden Sie das Genre Kriminalroman definieren?

Als eine Unterhaltungsgattung, die gesellschaftliche Entwicklungen oder Probleme beleuchten kann. Im Kriminalroman geraten Menschen in Ausnahmesituationen, ob als Opfer, Täter, Angehörige ... Die Berührung mit dem Verbrechen traumatisiert die meisten. Traumatisierte Menschen können kaum noch die Fassaden aufrechterhalten, die wir alle um uns herum errichten, um uns zu schützen. Hinter diesen Schutzwall Einzelner zu blicken heißt immer, das anzuschauen, womit sich Menschen in ihrem jeweiligen Leben, aber auch innerhalb der Gesellschaft, in der sie bestehen müssen, herumschlagen.

Was fällt Ihnen eigentlich leichter, den Anfang oder das Ende eines Kriminalromans zu schreiben?

Definitiv der Anfang. Da ist alles offen, alles möglich, man kann mit Variationen spielen ... Ich liebe Anfänge. Am Ende muss die Handlung in ihrer Gewichtung dramaturgisch zum Gesamtgeschehen passend auf den Schlusspunkt hin bewegt werden, das finde ich schwierig. Jede Figur muss bedacht werden, kein loser Faden darf hängen bleiben. Ich arbeite nie so hart und so konzentriert wie in den letzten zwei Monaten vor dem Abschluss eines Buches.

Am 4. November lesen Sie beim Hamburger Krimifestival auf Kampnagel. Normalerweise machen Sie ja eher selten Lesungen. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zum Publikum?

Sehr wichtig. Ich liebe vor allem das Gespräch mit meinen Lesern, den Gedankenaustausch, die Diskussionen. Das Lesen selbst finde ich nach wie vor schwierig. Obwohl das Buch ja natürlich öffentlich zugänglich ist, stellt das Lesen für mich eine Situation dar, in der ich mich und meine Gedanken sehr ungeschützt preisgebe. Das ist nicht logisch, aber ich empfinde es so.

10. Hamburger Krimifestival: Charlotte Link liest aus „Die Entscheidung“, Bärbel Schäfer moderiert, Fr 4.11., 19.00, Kampnagel, Eintritt 16,50 Euro, Karten bei Heymann, der HA-Hotline T. 30 30 98 98 und in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32; www.krimifestival-hamburg.de