Literatur

Harbour Front Festival: Lesen verlängert das Leben

Moderator Ulrich Greiner (l.) und Schriftsteller Cees Nooteboom am Mittwoch bei der Eröffnung des Harbourfront Literaturfestivals

Moderator Ulrich Greiner (l.) und Schriftsteller Cees Nooteboom am Mittwoch bei der Eröffnung des Harbourfront Literaturfestivals

Foto: Roland Magunia

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom stellte zur Eröffnung des Festivals sein Buch „533 Tage“ vor.

Hamburg.  „Leeftijd“ ist das niederländische Wort für das, was wir im Deutschen so profan „Alter“ nennen. Lebenszeit. Eigentlich das schönere Wort, genau genommen auch das viel treffendere. Man lernt es in Cees Nootebooms soeben im Suhrkamp-Verlag erschienenen Band „533 Tage“. Der niederländische Schriftsteller Nooteboom, der in diesem Sommer 83 Jahre Lebenszeit hinter sich gebracht hat und den Ulrich Greiner in der „Zeit“ einmal den „vielleicht europäischsten unter allen lebenden europäischen Autoren“ genannt hat, eröffnete gestern (im Gespräch mit Greiner) das achte Harbour Front Literaturfestival in Hamburg.

Ein würdiger Auftakt: „Ach, Schriftsteller und Schriftsteller“, seufzt Nooteboom in seinen als „Berichte von der Insel“ untertitelten Aufzeichnungen und macht sich so seine Gedanken über „Posterität“, also das, was nachfolgt. Nicht ohne zu erwähnen, dass ein Schriftsteller eben darüber lieber gar nicht nachdenken sollte.

Die Insel von der Nooteboom schreibt, ist Menorca

Die Insel, von der er schreibt, ist Menorca, wo er seit mehr als 50 Jahren – neben seinem Wohnort Amsterdam – lebt. Das Buch ist eine Art neugierig durch Flora, Fauna, Literatur und Intellekt mäanderndes Tagebuch, ein Buch jedenfalls „über die Tage, um hier und da etwas aus dem Strom dessen zu bewahren, was man denkt, was man liest, was man sieht“. Es sei, so Nooteboom, „ganz sicher kein Buch der Geständnisse“, auch wenn man durchaus das eine oder andere erfährt: „Langeweile als Voraussetzung zum Schreiben kenne ich“, offenbart der vielfach ausgezeichnete Autor, der in Deutschland stets besonders genau, vielleicht sogar genauer als in seiner Heimat wahrgenommen wird.

„80 Jahre auf der Welt und keine Ahnung von Kakteen, Spinnen, Schildkröten.“ Das geht vermutlich nicht nur ihm so. Cees Nooteboom aber belässt es dabei nicht, er schaut Pflanzen und Insekten beim Sein zu, trifft dabei auf eine Yuccapalme, die (natürlich mit menorquinischem Akzent) Goethe zitiert, und auf die Schriftsteller-Krankheit „Verweiseritis“. Ein verschriftlichtes Nachdenken über Zeit und Dauer.

Nooteboom beschäftigt sich leidenschaftlich mit Sprache und fast vergessenen Wörtern, er hat ganz offensichtlich grundsätzlich großen Spaß am Wundern, ein 83 Jahre alter, weißhaariger Entdeckungsreisender des Lebens. Berückend ist seine – in Zeiten des Googelns, das er ebenfalls ausführlich betreibt – altmodische, aber nachdrückliche Liebe zu Wörterbüchern.

Menschen die viel lesen, leben länger

Weltentrückt ist das übrigens, trotz seines bewussten Rückzugs auf die Insel, keineswegs. Nooteboom sinniert über die Gegenwart, bringt sie zusammen mit eigenen Erfahrungen und dem, was andere geschrieben und erkannt haben. Wie passend, dass Cornelia Prüfer-Storcks, Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz, die zur Festivaleröffnung in der Kühne Logistics University des Hauptsponsors Klaus-Michael Kühne den Senat vertrat, in ihrem Grußwort über die lebensverlängernde Wirkung des Lesens sprach: Bei Menschen, die wöchentlich dreieinhalb Stunden lesen, so habe es kürzlich eine Studie von Forschern der Yale University School of Public Health belegt, erhöhe sich die Lebenserwartung um ganze 17 Prozent.

Ob das Lesen-Lassen, welches ja das Hauptgeschäft eines Literaturfestivals ist, auf das Publikum eine ähnliche Wirkung hat, verrät sie zwar nicht. Immerhin aber ist sie zuversichtlich: „Das Leben dauert durch das Lesen länger, kommt einem aber wesentlich kurzweiliger vor.“ Und, das gilt ja nicht nur für Cees Nooteboom: Je mehr „Leeftijd“, desto mehr Bücher. Lebenszeit ist immer auch Lesezeit.

Harbour Front Literaturfestival bis 24.10.; Programm: www.harbourfront-hamburg.com