Thalia Theater

Woher kommt eigentlich der ganze Wahnsinn?

Der Theaterregisseur Sebastian Nübling setzt die Eröffnungspremiere am Thalia Theater in Szene. Bei Gegenwartstexten, sagt er, verspüre er „ein Kribbeln“

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Der Theaterregisseur Sebastian Nübling setzt die Eröffnungspremiere am Thalia Theater in Szene. Bei Gegenwartstexten, sagt er, verspüre er „ein Kribbeln“

Sebastian Nübling inszeniert das Gegenwartsstück "Wut/Rage" – nach Texten von Elfriede Jelinek und Simon Stephens.

Hamburg.  Ein Foto sorgte zu Silvester 2015 für Aufsehen. Wie ein komponiertes Gemälde sah es aus. Ein Mann liegt auf der Straße, das Hemd hochgerutscht, er versucht seine Bierflasche vor dem Umkippen zu retten. Polizisten ringen mit einem Betrunkenen am Boden. Eine Frau im Pelzmantel setzt zum Diskutieren an. Passanten starren. Dieses Bild und etliche weitere, die ebenfalls feiernde, leicht bekleidete, teilweise hilflose Menschen zeigen, stammen von dem Fotografen Joel Goodman in Manchester. Über das Netz verbreiteten sie sich in Windeseile.

Die Fotos spielen eine zentrale Rolle in Sebastian Nüblings Inszenierung "Wut/Rage". "Wut" geht auf einen Text der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zurück, der zweite Teil, "Rage", stammt von dem britischen Autor Simon Stephens. Und weil "Wut" bereits in München Uraufführung feierte, ist die Eröffnungspremiere am 16. September im Thalia Theater eine Art zweite, erweiterte Uraufführung. Ausgehend von der Fotoserie Goodmans hat Stephens' Szenen als Antwort auf den Jelinek-Text verfasst. Die Schnappschüsse und Straßenszenen unterteilen den von Nübling deutlich gekürzten Textblock, der Jelinek nach den Anschlägen auf die Pariser Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" im Januar 2015 aus der Feder floss. Die Idee der Kombination stammt von Nübling.

Bislang kannte man ja eher Jossi Wiehler oder Nicolas Stemann als Jelinek-Experten, aber auch der 1960 in Lörrach geborene Sebastian Nübling ist ein ausgewiesener Fachmann für Gegenwartstexte und Sprachexperimente. Zuletzt hat er für die Uraufführung von Sibylle Bergs "Und dann kam Mirna" den Berliner Friedrich-Luft-Preis erhalten. Die Stücke von Simon Stephens – einer der meistgespielten Dramatiker der Gegenwart – hat er schon zahlreich zur Uraufführung gebracht. Zuletzt nicht ganz so geglückt "Carmen Disruption" am Schauspielhaus. "Manchmal gehen Dinge nicht zusammen", sagt er. "Das passiert." Die Liste seiner erfolgreichen Arbeiten ist aber deutlich länger. Mehrmals wurde Nübling bereits zum Theatertreffen eingeladen. Am Thalia Theater gibt er jetzt offiziell seinen Einstand als Regisseur, auch wenn er beileibe kein Unbekannter mehr ist.

"Jelinek hat ihre Wut, ihr Hadern mit der Welt nach den Anschlägen rausgelassen. Zu der Kernfrage, woher kommt der ganze Wahnsinn um mich herum, die Raserei, nimmt sie verschiedene Positionen ein, mal die eines Attentäters, mal die eines Pegida-Anhängers", erzählt Nübling, ein besonnener Denker. "Parallel dazu erleben wir eine Silvesternacht als totale Entgrenzung. Neujahr ist ja eines der letzten magischen Daten, die wir in unserer Kultur haben. Die 'Nacht der Nächte' mit ihren Hoffnungen, Erwartungen, Ängsten produziert Explosionen."

Nübling inszeniert regelmäßig in Zürich und Basel

Wo Jelinek versucht, in einem noch frühen Stadium der gegenwärtigen Bedrohungs-, Angst- und Wut-Lage zu verstehen und zu analysieren, beschreibt Stephens das Ungehemmte, den Exzess der freiheitlichen Welt. Jelinek schreibt wie immer gegen die Zustände an. Mit Verzweiflung und Mut. Die Sprache ist ihr Mittel. "Sie versucht, gängige Formen zu unterspülen, wiederholt sie und dreht sie um. Das Reden von Gott entlarvt sie als Machtfragen." Nübling räumt ein, dass das Verstehen der Jelinek-Sätze eine Herausforderung darstellt. Auch weil die Perspektive mitunter in einem Halbsatz wechselt.

Nübling inszeniert regelmäßig in Zürich und Basel, ist Hausregisseur am Berliner Maxim Gorki Theater und hat mit seiner viel beachteten internationalen Produktion "Three Kingdoms" von Simon Stephens bereits 2012 bei den Thalia-Lessingtagen gastiert. Zuvor hatte er am Schauspielhaus mit Hans Henny Jahnns "Die Krönung Richards III." einen der wenigen Höhepunkte der Ära Schirmer abgeliefert. Es gibt also Gründe genug, sich in Hamburg auf diesen Regisseur zu freuen.

"Ich lehne die Klassiker nicht ab, aber das Kribbeln stellt sich bei mir erst bei Gegenwartstexten ein. Ich mag Autorinnen und Autoren, die sich offensiv zu Wort melden. Direkt, aggressiv, auch mit Wortwitz." Berg oder eben Jelinek sind solche Autorinnen. Nübling ist für einen körperlichen Zugang bekannt, arbeitet fast wie ein Choreograf. "Ich gehe gern formal an die Sachen heran, stelle einen Bogen her, wo es erst mal keine Geschichte gibt", sagt er. "Die Beziehung von Text zum Körper ist etwas, was mich immer stärker interessiert."

Am Schauspielhaus entstand 2007 bereits die zum Theatertreffen eingeladene Produktion "Pornographie", ebenfalls von Simon Stephens. Eine Momentaufnahme nach den Londoner U-Bahn-Anschlägen. "Rage" liest sich nun wie eine Fortsetzung. "Die Wut ist vor der Sprache ein körperlicher Vorgang, der in den Eingeweiden stattfindet. Das vibriert", erzählt Nübling. "Auf Dokumentationen von Pegida-Demos hat den befragten Leuten dass Zwerchfell buchstäblich gebebt. Wenn die Wut ein Ziel hat, entlädt sie sich." Stephens bezeichnet er als einen Könner im Erzählen von Figuren. "Da ist eine musikalische, rhythmische Spur in seinen Sätzen. Das Psychologische steht nicht im Vordergrund. Er denkt in Bildern." Die Figuren heißen einfach "Der Blaue" oder "Der Raucher" oder auch "Die Frau, die unter die Welt blickt".

Was aber soll man nun tun gegen den ganzen Hass? Da kann auch das Theater manchmal mehr Fragen als Antworten liefern. "Bei allem, was sich verhärtet, muss man die Fronten aufgelöst bekommen. Man muss dagegenhalten." Ist aber irgendwo in dieser Wut-Suada auch nur ein Schimmer von Hoffnung zu erkennen, eine Richtung? "Es gibt schon einzelne Begegnungen. Die Leute halten sich aneinander fest, nicht um gegen andere vorzugehen, sondern weil sie sagen, wenigstens sind wir zu zweit."

Das Gruppenerlebnis, das das Theater liefert, kann auch für den Zuschauer in diesen Zeiten ganz tröstlich sein.

"Wut/Rage" Uraufführung Fr 16.9., 20.00, Thalia Theater, Alstertor, Karten 15,- bis 74,- unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de

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