Hamburg

Schwungvoller Start in die Spielzeit

NDR Elbphilharmonie Orchester und NDR Chor luden zur dort wohl letzten Opening Night in die Laeiszhalle

Hamburg.  Abschied und Aufbruch, Leichtes und Schweres, Altes und Neues, alles an einem Abend, in einem Saisonstart-Programm mit Überlänge, der ganz der französischen Musik gewidmet war. Die mittlerweile sechste „Opening Night“, mit der das NDR Elbphilharmonie Orchester und der NDR Chor am Freitag schwungvoll motiviert in die Spielzeit starteten, wird wohl das letzte Konzert seiner Art in der ausverkauften, immer noch guten, immer noch alten Laeiszhalle gewesen sein. Der Neubau an der Elbe lockt, sirenenartig, verführerisch, langersehnt, zum Greifen nah.

In den Pausen berichteten Orchestermitglieder im Foyer live in die NDR-Mikrofone, wie grandios die ersten Probenbegegnungen mit dem Großen Saal dort gewesen waren. Auf der Laeisz­hallen-Bühne erzählte Chefdirigent Thomas Hengelbrock euphorisch, man bräuchte nach diesen Proben kapitale Angelhaken, um die breit grinsenden Mundwinkel der Erstbespieler des neuen Konzerthauses wieder waagerechter zu bekommen. Dazu herzensgut gemeinte Avancen von Gründern des erst wenige Tage alten Orchester-Freundeskreises, die in jeder noch so kleinen Aufmerksamkeitslücke, die sich ihnen bot, um Mitglieder warben.

Jeder und alles signalisierte in alle Richtungen des Projekts Musikstadt Hamburg: Jetzt aber, echt, jetzt, ganz bald, passiert mit uns etwas großes anderes. Nur vier Monate noch.

Doch im Konzertsaal selbst ließ das große andere zunächst etwas auf sich warten. Denn das erste Drittel des Konzerts gelang musiktheoretisch entschiedener als spielpraktisch. Rameau, prunkbarocke Opulenz, mit allem Drum und Dran und höfisch aufgerüschten Chorsätzen: Ein Entrée in die glorreiche Vergangenheit, ein von Hengelbrock collagiertes Potpourri aus der Tragédie lyrique „Dardanus“. So sehr der Ehrgeiz und die bereits erreichten Erkenntnisfortschritte im Umgang mit Alter Musik dabei auch hörbar waren – mehr als eine ambitionierte Annäherung bekam der historisch ja bestens informierte Hengelbrock nicht zustande an diesem Abend, der auch eine weitere Vielseitigkeitsprüfung für das Orchester war.

Zu groß und statisch war die NDR-Besetzung, noch zu unradikal der Angang. Auch die Sopranistin Judith van Vanroij schien fast ein wenig irritiert wegen der leicht widersprüchlichen Signale hinter ihrem Rücken: einerseits Phrasierungen aus dem Barock-für-Fortgeschrittene-Lehrbuch, andererseits ein Mischklang, der dazu partout nicht passend gemacht werden wollte. Leidenschaftsexzesse, wie sie Rameaus Musik verlangt, können die kleineren Spezialensembles, für die diese Antiquitäten-Literatur selbstverständlicher ist, intensiver und authentischer liefern. Das NDR-Tutti fremdelte mit dieser Herausforderung zwar nicht mehr so wie zu Beginn der Ära Hengelbrock, aber dennoch war diese Stilübung besser gemeint als gemacht. Fleißstern in Silber also.

Der Universalist im Maestro und Dramaturgen Hengelbrock vollzog danach einen scharfen, aber spannenden Schnitt, hin zu zwei Bravourstücken drastisch unterschiedlicher Couleur. Das zweite Drittel des Abends begann er mit Iberts „Bacchanale“, einer Rarität, zumindest auf dieser Seite der deutsch-französischen Grenze. Ein Kracher, voller Esprit und derart synkopenprall an Gershwin erinnernd, dass es fast schon den Untertitel „Ein Pariser in Amerika“ tragen könnte. Solche erstaunlichen,
effektsicheren Ausgrabungen macht Hengelbrocks Konzerten so schnell keiner nach, das Orchester war mit verständlichem Spaß am Spaß dabei.

Zeitlos berührend und zwischen den Stilen schwebend, bot Marc-André Dalbavies „Sonnets de Louise Labé“ eine ideale Plattform für die ätherisch helle Stimme des Countertenors Phi­lippe Jaroussky, der diesen Liedzyklus 2008 auch uraufgeführt hatte. Poesie aus der Renaissance, glasiert mit Klangfarben und Instrumentalmixturen, die nichts weniger wollten als Eindruck schinden. Nur die Stimme, nur deren Wortevoller Verzweiflung und Schicksalsergebenheit standen im Mittelpunkt dieser entrückten, bodenlosen Musik, die an Debussys Aquarelle erinnerte und von innen heraus sanft leuchtete, bis sie am Ende des sechsten Sonnetts resignativ verdämmerte und erlosch wie ein sterbender Stern. Wer Jaroussky bislang vor allem als barocken Engelstrompeter und Koloraturenzauberer ohne Höhenangst kannte, konnte hier, bei diesen sechs letzten Liedern, über ganz andere Qualitäten staunen. Präsent wurde allerdings auch, dass ein Sänger, der ba­rocke Ensembleformate gewohnt ist und dessen Stimmwucht ihre Grenzen hat, durch einen deutlich größeren Orchesterapparat unter kräftezehrenden Leistungsdruck gesetzt wird.

Runde drei: Ringelpietz mit Ansagen. Offenbach, ein Garant für leichtlebigen Frohsinn und perlendes Entertainment auf die französische Tour. Hengelbrock schaltete von Maestro auf dreiviertelseidener Conférencier um und witzelte sich ziemlich gekonnt durch die Nummern-Revue mit Teilen aus „Orphée aux enfers“, bevor er einem mit einer Portion Ballettmusik aus Massenenets „Le Cid“ etwas spanisch kam, um dann auf der Zielgeraden wieder bei Offenbach, beim „Orpheus“-Finale, zu landen. Immer noch Offenbach, anderes Stück: die erste Zugabe, die Barcarole aus „Les contes d’Hoffmann“ mit Jaroussky als stimmlich passendem Duettpartner für van Wanroij.

Den Cancan noch als Absacker hinterher, und ein weiterer Schritt Richtung Elbufer war vollbracht.