Thalia-Garage

„Nathan die Weise“ als junges Hipster-Stückchen

Erfrischender Prolog zur beginnenden Saison in der Thalia-Garage. Die Religionen stehen nicht im Vordergrund.

Hamburg. Wenn der Koch sich die Mühe macht, vor dem eigentlichen Menü einen „Gruß aus der Küche“ herauszuschicken, kann man unterstellen, dass sich da einer Gedanken und Mühe macht. Dass er vielleicht sogar etwas Neues kreiert hat, etwas, das er dem Gast in einer kleinen Probierportion reichen möchte. „Nathan die Weise“ hieß der Prolog zum diesjährigen Staatstheater-Saisoneröffnungsreigen, der eine ähnliche Funktion erfüllt. Die erste Premiere der Thalia-Spielzeit in der kleinen Garage der Gaußstraße ist ein Vorgeschmack, er macht Appetit, ist spielerisch, wirkt bei aller Komik durchaus ernsthaft und ist trotzdem nicht allzu überambitioniert.

Neu „ausprobiert“ wird hier auch eine Nachwuchsregisseurin: Leonie Böhm, Jahrgang 1982, die an der hiesigen Theaterakademie der Hochschule Schauspielregie studiert hat, und sich – ausgerechnet, möchte man fast sagen – nun Lessings „Nathan“ für ihren Einstand ausgesucht hat. Jenen Klassiker, der ja (zumal am Thalia mit seinen Lessingtagen) nicht müde wird, für Toleranz zu werben. Durchaus passend zur Einstimmung auf die ersten großen Premieren der kommenden Woche.

Die Religionen allerdings stellt Böhm in ihrem „Nathan“-Amuse-Bouche gar nicht in der Vordergrund, ihr ist die grundsätzliche Identitätssuche wichtiger. Ihren drei Akteuren (Nathan, Recha, Tempelritter) lässt sie dabei recht viel Spielraum, bedient sich erfrischend dreist bei Lessing und macht ein unbeschwertes, erstaunlich funktionierendes Hipster-Stückchen aus dem Stoff.

Steffen Siegmund erzählt im „Digga-Weissu“-Sound die Geschichte von Recha, Nathan und dem brennenden Haus, aus dem sie ein Kerl rettet. Auf betont uncoole Art ist der Rap im Tigerstrickpulli natürlich doch cool. Witzig, ironisch und trotzdem immer wieder rührend. Johannes Rieder ist als Nathan eher Randfigur, eine Art musikalischer Magier im Paillettenschimmerkleid. Im Zentrum steht Recha, die sich in dieser Ringparabelfassung von den Männern befreit; sie wird, in Feuerschlappen, gespielt von Birte Schnöink. Deren bemerkenswerte Persönlichkeit und Präsenz, eine Stärke bei gleichzeitiger Verletzlichkeit, sind hier von Nahem zu erleben – Vorteil der Kleinstbühne. Man lacht, man ist berührt, man sollte seinen „Nathan“ aber kennen. Nicht immer sind die schönen Momente, die Leonie Böhm findet (oder zulässt), klar zielführend. Das Ganze entwickelt jedoch einen Sog, auch wenn man das Gefühl nicht los wird, bisweilen einem Insiderjoke zuzuschauen.

Nathan die Weise Thalia/Gaußstraße (Garage), wieder am 14.9. (20 Uhr), Karten: 32814 444