Hamburg

Avantgarde von gestern und heute

Das Orchester der Lucerne Festival Academy zum Saisonstart in der Laeiszhalle

Hamburg.  Ob das mit der BahnCard bei einer ersten Geige tatsächlich so in der Partitur stand? Während die anderen hohen Streicher um ihn herum, einer Spielanweisung kollektiv gehorchend, mit scheckkartenartigem Plastik ihre Saiten bearbeiteten, verwendete ein Musiker des Lucerne Festival Academy Orchesters in Mark Andres geräuschverspielter Komposition „...hij... 1“ (2010) stattdessen seine BahnCard. Kleine, feine Unterschiede. Doch diese filigrane Passgenauigkeit in den Details kann durchaus entscheidend sein fürs große Ganze. Eben darum ging es einen ganzen Abend lang beim Saisonstart der Elbphilharmonie-Konzerte, noch im Großen Saal der Laeiszhalle, noch nicht im Neubau am Elbufer. Penibel sein und verspielt zugleich war das Ziel. Wer fliegen will, muss die Regeln einhalten.

Das hoch motivierte, hoch spezialisierte Studentenorchester hatte mit dem komponierenden Dirigenten Matthias Pintscher einen Mann vom Fach als Gast-Maestro; auf den Pulten nichts als Avantgarde von gestern und heute, nichts wohlfeil Klassischeres, nur damit die Ehrengäste schön bei Laune bleiben. Auch das eine deutliche Ansage, eine sympathisch eigenwillige Absage ans frontale Gefallenwollen. Dass das Konzert mit „San Francisco Polyphony“ begann, einem eher sekundären Werk des Wahl-Hamburgers György Ligeti (1923– 2006), Baujahr 1974, war nicht tragisch. Es wirkte mit seinen leicht gestrig wirkenden Phasenreibungen und Farbschichten wie eine großorchestrale Etüde für den leicht versponnenen, aber interessanten Einfallsreichtum in der folgenden Collage von Mark Andre. Pintscher war hier mit klaren Gesten vor allem der Wegweiser für das Orchester, der sortierte und regelte und dabei nicht selbstbezogen dem musikalischen Mehrwert im Weg stand.

Beeindruckend die Leichtigkeit, die das Orchester im Umgang mit den Spieltechniken an den Tag legte. Ein Stück, das mit dem Streichen der Geigenbögen über den Korpus des Instruments, nicht die Saiten, als aus dem Fastnichts kommend beginnt, könnte verkrampft und gewollt wirken. Das war hier nicht der Fall.

Nach der Pause: Visionäres von vorgestern, Strawinskys „Feuervogel“-Ballettmusik, lange nicht mehr so geradezu impressionistisch fließend gehört. Pintscher brachte Leichtigkeit und Euphorie in diese Aufführung des Klassikers, im Finale schwächelte es allerdings etwas, weil hier die klare, kantige, brennende Wucht fehlte. Nachdem das Tutti sich in der ersten Konzerthälfte intensiv aufzuspalten und zu differenzieren hatte, war nun das genaue Gegenteil gefragt – und wurde beachtlich gut bewältigt: passgenaue Streicher, gut ausbalancierte Holzbläser. Eine Leistung weit oberhalb der üblichen Sommerfrische-Laune-Mischung, wenn Talente einen Teil ihrer Festspiel-Orchester-Proben erst dafür verwenden müssen, zueinanderzufinden. Hier war diese Einheit bestens zu hören. Dieses Orchester hatte ein Format, das mit der Größe der Aufgaben mithalten konnte.