Musikfest Bremen

Herr Purcell und die Eroberung Südamerikas

Unkonventionell: der griechische Dirigent
Teodor Currentzis

Unkonventionell: der griechische Dirigent Teodor Currentzis

Foto: picture alliance

Der Grieche Teodor Currentzis dirigiert beim Musikfest Bremen Peter Sellars’ Fassung von „The Indian Queen“.

Bremen.  Was hat eine unvollendete Barockoper aus England mit einem zeitgenössischen Roman aus Nicaragua zu tun? Die Antwort gibt das Musikfest Bremen mit seinem Abschlusskonzert am 10. September.

Teodor Currentzis und sein Ensemble MusicAeterna führen Henry Purcells „The Indian Queen“ auf: Das klingt eindeutiger, als es ist. Das Stück ist nämlich unvollendet. Gerade eine Stunde Musik ist überliefert, dazu eine Handlung, die, so der amerikanische Regisseur Peter Sellars, keinen Sinn ergibt. „Die ,Indian Queen‘ existiert nicht!“, sagt er. „Wir wissen nicht, was das für ein Stück war, wie es aufgeführt wurde.“

Deshalb hat Sellars 2013 im Auftrag des Madrider Teatro Real einen kühnen Schritt gemacht und die Fragmente mit Auszügen aus dem Roman „The Lost Chronicles of Terra Firma“ (etwa: „Die verlorenen Chroniken von Terra Firma“) von Rosario Aguilar verwoben.

Die Autorin nähert sich der spanischen Eroberung Südamerikas, einem der blutigsten Kapitel der Weltgeschichte, aus der Ich-Perspektive verschiedener Frauen. „Wir fünf Jungfrauen waren ausgesucht worden, um in ihr Privatleben (das der spanischen Befehlshaber, Anm.) einzusickern, sie ganz und gar kennenzulernen und herauszufinden, ob sie Götter oder Menschen waren. Das war eine Strategie“, erzählt Teculihuatzin, die Indianerprinzessin. „Unter keinen Umständen werde ich den Sinn meines Auftrags vergessen.“ Natürlich geschieht genau das: Die Prinzessin verliebt sich in den Fremden, das Drama nimmt seinen fatalen Lauf.

Man muss schon so umfassend gebildet sein und so tief an zentralen Fragen interessiert sein wie Sellars, um derart heterogene Kunstwerke zusammenzudenken. Die Madrider Produktion hatte er zudem mit Tanz verbunden. Das Verfahren passt allerdings gar nicht schlecht zur „Indian Queen“, denn die ist eine sogenannte Semi-Opera. Stücke dieser Gattung bestehen zur einen Hälfte aus Musik und zur anderen aus gesprochenem Theater. Und zusätzlich zur Originalmusik erklingen zahlreiche weitere Arien und Gesänge aus Purcells Oeuvre.

In Bremen kommt „The Indian Queen“ konzertant zur Aufführung. Doch wer Currentzis kennt, der kann sich denken, dass es bei einer herkömmlichen Frontalbeschallung nicht bleiben wird. Currentzis hinterfragt alles. Vor wenigen Jahren wurde er noch als Exzentriker belächelt, inzwischen ist er ganz oben angekommen. Wie man munkelt, werden Currentzis und Sellars 2017 die Eröffnungsproduktion der Salzburger Festspiele bestreiten. Das Musikfest hat ihn noch ein weiteres Mal verpflichtet: Am 8. September dirigiert Currentzis einen Rameau-Abend.

25 Jahre trug Sellars die „Indian Queen“ schon mit sich herum, bevor er Currentzis traf und der ihm vorschlug, genau dieses Stück zu machen. „Die Musik ist unglaublich. So tief und auch so eigenartig“, sagt Sellars. „Es ist Musik von jemandem, der die Erde schon mit einem Fuß verlassen hatte.“ Nun starb Purcell ganz profan an einer Erkältung, weil seine Frau den notorischen Trinker eines englisch-kühlen Abends nicht mehr ins Haus gelassen hatte. Zufall? Nicht für den weltweisen Sellars: „Was sind schon Zufälle?“

„The Sound of Light“ Do 8.9., 20.00 „The Indian Queen“ Sa 10.9., 18.00Beide Konzerte Bremen, Glocke. Infos und Tickets unter www.musikfest-bremen.de