Hamburg

Der Schauspieler des Jahres

Edgar Selge wurde bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ auf Platz eins gewählt

Hamburg. Der Monolog als Literaturwissenschaftler François in Karin Beiers Schauspielhaus-Inszenierung von Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ ist schon längst die Rolle seines Lebens. Nun ist Edgar Selge (68) zum Schauspieler des Jahres in der jährlichen Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ gewählt worden. Sein monumentaler Solo-Auftritt ist das stets ausverkaufte Theaterereignis der Saison. Die Zuschauer rannten dem Haus an der Kirchenallee seit der Premiere Anfang Februar die Bude ein, und auch die Fachleute gerieten ins Schwärmen. Sieben der 43 befragten Kritiker aus dem deutschsprachigen Raum gaben Selge nun ihre Stimme.

Die Nachfrage nach Karten war derart groß, dass das Schauspielhaus sogar seine 1200 Plätze um weitere 20 Stehplätze im 2. Rang erweiterte. Das hatte es seit der Intendanz von Gustaf Gründgens (1955 bis 1963) nicht mehr gegeben.

Edgar Selge erreicht die Nachricht in den verdienten Theaterferien. „Ich freue mich sehr über die Auszeichnung, denn gerade diese Arbeit liegt mir besonders am Herzen“, sagt er. „Ich sehe mich in dieser ,Unterwerfung‘ als Teil eines Gesamtkunstwerks von Textfassung, Regie, Bühnenbild – und Zuschauern! Wie schön, dass so viele Kritiker der Aktualität dieses Abends ihre Stimme gegeben haben.“ Fast drei Stunden lang wuchtet Selge die auf 43 Seiten verteilten Textberge der von Karin Beier und Dramaturgin Rita Thiele erstellten Fassung, eingeklemmt in ein schwarzes Drehkreuz. Selge brilliert mit mitreißender Spiellust als Mann in mittleren Jahren, der in eine Lebenskrise gerät, die mit von Houellebecq satirisch gezeichneten politischen Umbrüchen zusammenkommt: Die westliche Kultur verfällt zugunsten einer gemäßigten islamischen Diktatur.

Für Edgar Selge ist der Zuschauer Partner im Spiel

„Theater ist für mich Kommunikation. Zwischen den Schauspielern auf der Bühne und zwischen Bühne und Publikum“, erklärt Selge in „Theater heute“. Gerade die Durchlässigkeit der vierten Wand zwischen Bühne und Zuschauer sei für ihn ein wichtiger Entwicklungsschritt gewesen. „Die Leute sind der Partner. Du zwingst sie in deine Geschichte hinein. Du musst dich darauf verlassen, dass das hin- und hergeht und fließt.“ Jeder Text enthalte natürlich auch etwas von ihm selbst.

Edgar Selge, der als Sohn eines Gefängnisdirektors im ostwestfälischen Herford aufwuchs, absolvierte die Otto-Falckenberg-Schule in München. Das allein genügte ihm nicht, und so studierte er außerdem Philosophie und Germanistik in München und Dublin sowie klassisches Klavier in Wien. Selge gehörte über die Jahre verschiedenen Ensembles an, so dem Schillertheater Berlin, den Kammerspielen München. Er war in fast allen großen Bühnenrollen zu sehen. Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg feierte Selge bereits 2004 mit der Titelrolle in Goethes „Faust“ in der Regie von Jan Bosse Triumphe. Er glänzte auch als Schauspieler in Film und Fernsehen. „Polizeiruf 110“-Fans kennen ihn überdies aus langen Jahren als einarmigen Ermittler Jürgen Tauber.

Intendantin Karin Beier hat auch das ausländische Stück des Jahres ins Schauspielhaus-Programm gehoben, Ayad Akhtars „Geächtet“ glänzte in einer Inszenierung von Klaus Schumacher an der Kirchenallee. Das Thalia Theater ist in der Umfrage diesmal nicht vertreten. Immerhin wurde Ersan Mondtag, der in der vergangenen Saison „Schnee“ in der Gaußstraße inszeniert hat, Nachwuchsregisseur des Jahres. Er sorgte unlängst mit dem Statement für Aufregung, ein Schauspieler auf der Bühne sei für ihn genauso wichtig wie ein Requisit. In „Theater heute“ empören sich Selge ebenso wie die Schauspielerin des Jahres, Caroline Peters, über diese Aussage. Außerdem beklagen sie die schlechte und ungleiche Bezahlung ihrer Kolleginnen und Kollegen. „Als junger Schauspieler, etwa in Bielefeld, kannst du in den ersten vier Jahren von deiner Gage von rund 2000 Euro keine Familie gründen“, sagt Edgar Selge. „Und gleichzeitig fordern die Theater von ihren jungen Schauspielern jede freie Minute. Das finde ich schon ein Problem.“

Theaterstück des Jahres wurde das bei den Thalia-Lessingtagen gezeigte Stück „The Situation“ von Yael Ronen und ihrem Ensemble vom Maxim Gorki Theater in Berlin. Die Inszenierung des Jahres erarbeitete Simon Stone mit „John Gabriel Borkman“, Bühnenbildner des Jahres wurde der im August 2015 gestorbene Bert Neumann, Theater des Jahres wurden wiederum die Volksbühne und das Maxim Gorki Theater in Berlin. Marcel Kohler wurde Nachwuchsschauspieler des Jahres.

„Unterwerfung“ steht natürlich auch in der kommenden Spielzeit wieder auf dem Schauspielhaus-Spielplan. Es gibt noch Restkarten.

„Unterwerfung“ nächste Vorstellungen 30.9., 5.10., 11.10., 12.10., jew. 20.00, Schauspielhaus, Karten 11,- bis 49,- unter T. 24 87 13