Hamburg

Mal zart, mal beherzt

Tanzgeschichten von gestern und Internetschwärmerei von heute auf Kampnagel

Hamburg. Dieser Tage gleicht das Internationale Sommerfestival einem Bienenstock, einem gigantischen Sommercamp. Schüler gehen ihren künstlerischen Workshops nach. Erwachsene erforschen die Welten des Digitalen beim Schwerpunkt Datapolitics mit Workshops und Performances.

Der Rechtswissenschaftler und Harvard-Professor Lawrence Lessig etwa sieht die Ursache der gegenwärtigen Krise der US-Demokratie bei der Auswahl der Präsidentschaftskandidaten, die im Vorfeld von Geldgebern bestimmt würden. Lessig plädiert für ein Gremium von wenigen, das, mit umfassenden Kenntnissen ausgestattet, entscheidungsbefugt wäre. Wie dieses Gremium zusammengestellt werden könnte, ist eine sich anschließende Frage-stellung.

Doch nicht nur Weltpolitik wird auf Kampnagel geboten, auch eine biografische Reise mit zwei hochbetagten Tanzlegenden. Valda Setterfield (81) und Gus Solomons jr. (76) tasten sich in „Monument 0.1: Valda & Gus“ der Choreografen Eszter Salamon und Christophe Wavelet an ihre eigenen Erinnerungen heran. Zwei noch immer grazile Gestalten, in japanisch wirkende Anzüge gehüllt. Sie erzählen aus ihrem Leben: er von seiner Liebe zum Stepptanz und dass ihm als Schwarzem die Musicalkompanien in den USA verwehrt blieben, sie von ihrem ersten Tanz im Alter von vier Jahren und von der körperlichen Selbstüberschätzung im Angesicht einer Niederkunft. Es sind kleine Anekdoten, aus denen sich nebenbei große Tanzhistorie formt. Dabei geht es auch mal um den Unterschied von Modern-Dance-Ikone und Geschichtenerzählerin Martha Graham einerseits und Tanzerneuerer und Geschichtenverächter Merce Cunningham andererseits, mit Handpuppen verkörpert. Die berührendsten Momente sind jene, in denen beide ein paar Schritte andeuten, sich stetig in Dunkelheit und ins Schweigen zurückziehen.

Mit Zartheit und der fast schon japanischen Kunst der Reduktion hat später die amüsante Show der feministischen Stand-up-Comedienne Ursula Martinez eher wenig zu tun. Hier darf beherzt gelacht werden, und es gibt Explizites zu sehen, etwa Martinez’ herrlich ironische Strip-Show „Hanky Panky“ als Video. Ihre aktuelle Show trägt den Titel „My Stories, Your Emails“. Martinez, die sich selbst als „mittelalt, aber heiß“ bezeichnet, erreichen Zuschriften aus aller Welt. Von Männern, geschmacklos kostümiert – oder auch gleich gar nicht. Mit mal erschreckenden, selbst entlarvenden, mal schwärmerischen Texten versehen – alle haben einer Show-Verwertung zugestimmt.

Die direkt dem Leben abgeschaute Versuchsanordnung erzählt viel über unausrottbare Missverständnisse zwischen Frauen und Männern und lebt von Martinez’ Performerqualitäten. Ihre Präsenz und Sprachlust sind absolut bezwingend und erfrischend. Stärker noch bei den vorgetragenen Briefbeiträgen als bei ihren schwarzhumorigen eigenen Texten.

Internationales Sommerfestival bis 28.8., Kampnagel, Jarrestraße 20, Karten unter
T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de