Kultur

Ruhig mal den Troll füttern

Der Teller mit zu lang gekochten Nudeln in einer irgendwie zusammengerührten Soße dampft auf dem Couchtisch, und auf der Mattscheibe läuft eine Wiederholung von „Rach undercover“. Der RTL-Koch ist in Frankfurt unterwegs, um den schlechten Internet-Kritiken eines Lokals auf den Grund zu gehen. Normalerweise zappe ich bei TV-Formaten, die irgendwas mit Essen oder Kochen zu tun haben, weg. Es ist kein weiter Weg von „Das perfekte Dinner“, „Volle Kanne“ oder „Lanz kocht“ über „Rosins Restaurants“ bis zur Abnehm-Foltershow „The Biggest Loser“.

Was aber interessant am Konzept von „Rach undercover“ ist, ist die Aus­ein­andersetzung mit Bewertungsportalen und den dort postenden Trollen, für die alles „schlimm“, „grauenhaft“ oder „absolutes No-Go“ ist, was nicht hundertprozentig den Erwartungen entspricht. Wir leben in einer digitalen Gesellschaft, und für die gibt es nur 1 oder 0. Perfekt oder mies. Relativieren, abwägen, zweimal nachdenken – dafür ist keine Zeit mehr. Rach pfeift auf das Internet-Prinzip „Bitte nicht den Troll füttern“, schnappt sich einen Kritiker, geht mit ihm testessen, geht noch einmal verkleidet testessen, versucht dann wie gewohnt die Küche zu verbessern und führt den Troll noch mal aus.

Es wäre angebracht, auch in anderen Bereichen den einen oder anderen Netz-Moserer zur Selbstreflexion anzuregen. Natürlich muss das neue Buch eines Autors, das neue Album einer Sängerin, die Inszenierung am Theater, das Konzert im Stadtpark oder auch einfach nur der schnelle Happen an der Frittenbude einem nicht gefallen, wenn es nicht gefällt. Aber ist es wirklich gleich der „schlechteste ,Tatort‘ aller Zeiten“, „eine talentlose Heulboje“, „eine Beleidigung für Augen und Ohren“? Was ist eigentlich aus dem Mittelmaß geworden? Nehmen wir als Beispiel den eingangs erwähnten Teller Nudeln. Sie schmeckten wahrlich nicht nach Sternekoch. Aber sie machten satt.