Bildergeschichte

Hamburgerin zeichnet „Das doppelte Lottchen“ als Comic

„Das doppelte
Lottchen“, geschrieben
von Erich Kästner
und neu gezeichnet
von Isabel Kreitz

„Das doppelte Lottchen“, geschrieben von Erich Kästner und neu gezeichnet von Isabel Kreitz

Foto: Dressler Verlag / Illustration(en): Isabel Kreitz

Die Hamburger Zeichnerin Isabel Kreitz hat aus Erich Kästners beliebtem Kinderbuch eine Bildergeschichte gemacht.

Hamburg.  Man könnte es glatt verwechseln, so sehr ähnelt der Buchumschlag des neuen Comics „Das doppelte Lottchen“ Erich Kästners Original von 1949: Grüne Blumenwiese, ein Idyll am See in der Ferne und zwei Mädchen, die sich aufs Haar gleichen. Damals hatte der Künstler Walter Trier die Geschichte der wiedervereinten Zwillinge gezeichnet, leichthändig und kongenial, das muss man schon sagen. Die brandneue Version des beliebten Kinderbuchklassikers stammt nun von der Hamburger Zeichnerin Isabel Kreitz, die die herzzerreißend liebenswerte Geschichte in Bildern erzählt.

Für ihre Version von Kästners Geschichte „Der 35. Mai“ hatte sie 2008 bereits den renommierten Max-und-Moritz-Preis gewonnen, und 2012 als beste Comiczeichnerin gleich noch einmal. Während Walter Trier sich einen weit freieren Strich erlaubte, fühlt sich Kreitz dem realistischen, linearen, filmischen Erzählen verbunden, ohne Schnickschnack, dafür mit viel Liebe zum Detail und zum Lokalkolorit.

Wer durch ihren Comic blättert, der fühlt sich fast wie im Kino: Isabel Kreitz nimmt ihre Leser mit ins bergige Städtchen, zur Wasserschlacht im See, auf trubelige Bahnhöfe, Postämter, nach München oder Wien. Nichts ist schnell hingeschludert, alles mit Sinn für Atmosphäre, Licht und Architektur, mit Ortskenntnis, ästhetischem Verstand und im Stil der 1940er- Jahre erschaffen. Viele Menschen, darunter den fast verschwundenen Typus der Dame, zeichnet sie auf den Straßen, wenige Autos, dafür Karren, Handwagen und Wege ohne Plastikmüll. Eine noch recht fest gefügte Welt hatte Kästner damals im Drehbuch (1942) und etwas später im Buch (1949) heraufbeschworen, eine Welt ohne Krieg, der ja in Wirklichkeit von seinem Höhepunkt auf sein Ende zusteuerte. Bei der Figurenzeichnung bedient Isabel Kreitz nur selten die Erwartung von hübsch und nett. „Mir kommt es darauf an, dass über die Bilder ein erzählerischer Fluss entsteht“, sagt sie. Die Zwillinge bleiben etwas blass, während die übrige Personnage deutlich charakterisiert wird: Palfys engelsblonde Ex-Frau Luiselotte ist eine dynamische, moderne Journalistin mit goldenem Herzen. Ludwig Palfy, der etwas strizzihafte Klischeekünstler, erwacht endlich aus seiner Selbstbezogenheit, als seine Tochter, die immer so widerspruchslos funktionierte, mit Fieberfantasien im Bett liegt. Da zeichnet ihm Kreitz gar einen Dreitagebart und drückt ihm einen Teddy in die Arme: Der Herr Kapellmeister hat endlich richtige Sorgen!

Sehr schön ist ihr die klassische Rivalin gelungen, die schlangenhafte, passend dazu schwarzhaarige Irene Gerlach, in verführerischem Morgenmantel, in Pelzen, Seide, mit grünem Lidschatten, Zigarette und spitzer Zunge. Am Ende, das weiß ja eigentlich jeder, sind die Geschiedenen wieder vereint, und keiner weiß wirklich, warum. Ist aber egal, man freut sich trotzdem, tanzt mit den Zwillingen den Freudentanz und hofft, dass die patente Luiselotte in Wien wieder einen Job findet und nicht nur den Gatten bewundern muss.

Erich Kästner, „Das doppelte Lottchen“, Comic von Isabel Kreitz, Dressler Verlag,
112 S., 19,90 Euro