Kultur

Schreiben ist so intim wie Sex

Karolin Jacquemain

Kaum ein Tag vergeht, der einen nicht daran erinnert, wie sehr die sozialen Medien unsere Lebens-, aber auch Schreibgewohnheiten verändert haben. Wer morgens beim Aufwachen eine schlaftrunkene Eingebung hat, teilt diese dreieinhalb Minuten später auf dem bevorzugten Kanal mit der Netzgemeinde. Gedanken zum Grad des Frühstückseis (samt passendem Foto, versteht sich) genauso wie mit Kussmündern und ­Smileys verzierte Geburtstagswünsche. Wir posten und twittern, was uns gerade durch die Rübe rauscht. Wobei Facebook und andere Tratschplattformen ausgesprochen demokratisch ausgerichtet sind: Jeder kann mitmachen, ob er nun ausgemachten Schwachsinn in die Tasten hackt oder kluge Kommentare zum Weltgeschehen schreibt.

Im Siegeszug der Selbstdarstellermedien und 24-Stunden-Autoren mutet also wunderbar altmodisch an, was die Bestsellerautorin Juli Zeh gerade der Selbstoptimierungszeitschrift „Psychologie bringt dich weiter“ verraten hat. „Schreiben ist mir peinlich“, sagte Zeh, die mit ihrem aktuellen Roman „Unterleuten“ ein bestechend genaues Porträt einer Handvoll seelisch verwirrter Dorfbewohner vorgelegt hat.

Sie drehe durch, wenn Menschen ihr beim Schreiben zuschauten, so Zeh: „Vermutlich empfinde ich die gleiche Scham vor fremden Blicken wie andere Menschen beim Sex. Es ist so intim, das geht niemanden etwas an.“ Sie habe nie für den Leser geschrieben, sondern immer nur für sich selbst, sagt Zeh weiter. Schöner Gegentrend, das.