Ausstellung in Kunsthalle

Piranesis „Carceri“: Treppen wie bei Harry Potter

Treppen wie in der Hogwarts-Schule:
Dieses Blatt stammt aus Piranesis zweiter „Carceri“-Folge

Treppen wie in der Hogwarts-Schule: Dieses Blatt stammt aus Piranesis zweiter „Carceri“-Folge

Foto: Hamburger Kunsthalle/bpk

Die Hamburger Kunsthalle zeigt jetzt Piranesis geheimnisvolle „Carceri“. Sie inspirieren Künstler seit Jahrhunderten.

Hamburg.  Wer hängt sich schon Gefängnisbilder ins Wohnzimmer? Die Idee, eine vierzehnteilige großformatige Radierfolge unter dem Titel „Carceri“ (Kerker) zu veröffentlichen, brachte dem italienischen Künstler Giovanni Battista Piranesi um 1750 zunächst keinen Erfolg. Doch nachdem er den Zyklus etwa zehn Jahre später überarbeitet, um zwei Blätter erweitert und mit dramatischen Hell-Dunkel-Kon­trasten versehen hatte, gelang ihm ­damit das wahrscheinlich großartigste druckgrafische Werk des ganzen 18. Jahrhunderts. Obwohl der gebürtige Venezianer, der sich als Künstler in Rom niedergelassen hatte, auch populäre Motive der antiken Monumente geschaffen hat, verbindet sich sein ­Name vor allem mit den „Carceri“.

Es sind unheimliche Interieurs, die bedrohlich erscheinen und den ­Be­trachter immer wieder verwirren. Man entdeckt merkwürdige Durchblicke in unterirdischen Gefängnis­räumen, in denen Mauern, Bögen, Säulen, Simse, Türme und Treppen auf merkwürdige, unlogische und zutiefst geheimnisvolle Weise ineinanderverschachtelt sind. Alles scheint verschoben, die Proportionen stimmen nicht, Durchgänge enden im Nichts, die Architektur ist im wörtlichen Sinne aus den Fugen geraten. Doch Piranesi, der viel von Baukunst verstand und Vitruv und Palladio studiert hatte, betrieb dieses visuelle Verwirrspiel so meisterhaft, dass sich der Betrachter mit den Augen immer wieder in seinen unheimlichen Verliesen verirren.

Vorbild von „Metropolis“ bis „Game of Thrones“

In ihrem neu eingerichteten Harzen-Kabinett, dessen Name übrigens eine Referenz an den Hamburger Sammler und Mäzen Georg Ernst Harzen (1790–­1863) ist, zeigt die Kunsthalle noch bis zum 21. August beide Versionen des ­berühmten „Carceri“-Zyklus, ergänzt durch einige extrem seltene Vorzeichnungen und Entwurfsblätter.

„Wir haben die entsprechenden Motive der beiden Radierfolgen jeweils nebeneinander gehängt, damit sich die Veränderung im Ausdruck und in der Lichtregie direkt vergleichen lassen“, sagt Ausstellungskurator David Klemm, der die ebenso erschreckenden wie faszinierenden architektonischen Visionen als „Abkehr von der göttlichen Weltordnung“ interpretiert. „Diese Räume sind nicht nur verwirrend und bedrohlich, sondern auch von enormer zeichnerischer Meisterschaft“, sagt Klemm.

Fast alles daran bleibt rätselhaft, etwa die Rolle der meist nur schemenhaft abgebildeten Menschen, die die Gefängnisse bevölkern. „Sieht man von einigen Folterszenen ab, wirken sie eigentlich nicht wie Häftlinge, sondern eher wie Flaneure. Fast hat man den Eindruck, dass sie die Kerker bei einem ,Tag der offenen Tür‘ erkunden“, meint Klemm, der auch auf die merkwürdige Lichtregie hinweist: Obwohl es sich ­offenbar um unterirdische Räume zu handeln scheint, sind einige Bereiche hell illuminiert, doch nirgendwo ist eine Lichtquelle sichtbar, und die gelegentlich wahrnehmbaren Lampen und Laternen bleiben stets erloschen.

„Kaum ein anderes Kunstwerk des 18. Jahrhunderts hat Künstler, Schriftsteller und nicht zuletzt auch Filmemacher bis in die unmittelbare Gegenwart so stark inspiriert wie dieser Grafikzyklus“, sagt Klemm und nennt Fritz Langs expressionistischen Stummfilm „Metropolis“ von 1925/26 und die 1986 entstandene Umberto-Eco-Verfilmung „Der Name der Rose“.

Es gibt aber auch deutlich jüngere Beispiele, etwa die beweglichen Treppen im Schlossgebäude von Hogwarts bei „Harry Potter“, die von Piranesis Raumfantasien inspiriert sind. Oder das „Haus von Schwarz und Weiß“, ein Tempel in Braavos, der in „Game of Thrones“ dem vielgesichtigen Gott gewidmet ist. Für die Architektur dieser unheimlichen Kultstätte haben sich Autor George R. R. Martin und die Filmemacher David Benioff und D. B. Weiss offenbar vom 16. Blatt der späteren „Carceri“-Serie anregen lassen.

Arbeiten auf Papier dürfen jeweils nur für kurze Zeit dem Licht ausgesetzt werden, das begrenzt die Ausstellungsdauer zwangsläufig. Deshalb wird sich die Möglichkeit, beide Varianten des berühmten „Carceri“-Zyklus nebenein­ander betrachten zu können, auf viele Jahre hin nicht wiederholen.

Piranesi. Carceri. bis 21. August. Kunsthalle, Harzen-Kabinett, Di–So 10.00–18.00, Do bis 21.00, Informationen unter www.hamburger-kunsthalle.de