Kultur

Schwarzwaldklinik auf Droge

Die etwas andere Krankenhausserie: „The Knick“, ein Serienimport aus den USA, läuft nun wieder auf ZDFneo

Die guten Geschichten schreibt nicht immer nur die Gegenwart. Vielleicht ist die, bei aller Dramatik und purer Daseinseitelkeit (wer hielte seine Zeit nicht für die aufregendste?), manchmal sogar schon ausgelutscht und leer gesaugt. Besonders angesichts der geradezu explodierten Serienproduktion, die sich ihre Themen meist in der Gegenwart sucht. Es wird jedenfalls seine Gründe haben, dass sich Meisterregisseur Stephen Soderbergh („Sex, Lügen und Video“, „Traffic“) mit seiner TV-Serie „The Knick“ mehr als ein Jahrhundert in die Vergangenheit gebeamt hat.

ZDFneo zeigt jetzt in fünf Doppelfolgen die zweite Staffel der von der Kritik hochgelobten Serie, die – wie „Mad Men“ oder „Masters of Sex“ – Zeitpanorama und Spezialistenporträt ist. Was dort die Welt der Werber oder die Welt der Sexforscher und Wissenschaftspioniere, ist hier die Welt der Ärzte. Sicher, letztere ist eine der in der filmischen Erzählung mit am besten aus­geleuchteten Berufsgruppen. Aber „The Knick“, dessen in New York verortete Handlung im Jahr 1900 einsetzt, ist eben doch die etwas andere Krankenhausserie. Weil die Realität damals eine andere war und die medizinischen ­Voraussetzungen kein Vergleich zu denen heute. Wer seit 2014, als die Serie im US-Fernsehen Premiere feierte, „The Knick“ schaut, hält Ärzte unter Umständen doch wieder für die Halbgötter in Weiß, die sie nie waren.

Ausstattung und Darsteller sind absolut auf Kino-Niveau

Im vergangenen Jahrhundert starben die Patienten den Medizinern noch unter den Händen weg. Operation, das war oft Versuch und Fehler, aber der Ehrgeiz der Ärzte schier grenzenlos. Der Ehrgeizigste unter ihnen ist John Thackery (immer im Grenzbereich: Clive Owen), der Chefarzt ist im (historischen) Krankenhaus The Knickerbocker in Harlem.

„Thack“ ist nicht nur ein sich aufs durchaus metzelnde Handwerk verstehender Chirurg, der in die Geschichtsbücher will, er ist auch ein Süchtling. Thackery kokst sich so durch den Tag, weil er die aufputschende und wach machende Wirkung schätzt. Nachts verlustiert er sich in den Opiumhöhlen von Chinatown. Auch seine Ruhmsucht wird befriedigt. Operationsräume waren damals auch Hörsäle, gesäbelt wurde vor Publikum.

Man kann eine Serie (Schöpfer und Drehbuchautoren: Jack Amiel und Michael Begler) kaum aufwendiger drehen. Kostüme, Kulissen, alles stil- und zeitecht; einzig Cliff Martinez’ Synthesizer-Soundtrack ist gegen den Strich gebürstet. Keine schlechte Entscheidung, Gleiches gilt für den Soderbergh-typischen Einsatz der Handkamera. ­Kino will Soderbergh laut einer Eigenaussage vor einigen Jahren nicht mehr machen. Er macht es doch, denn die Ausstattung und die Darsteller in „The Knick“ sind absolut auf Kino-Niveau.

Was bekanntlich für viele Sendungen gilt in dieser zu Recht zum Goldenen Zeitalter der Fernsehserien ausgerufenen Gegenwart. Wer jammert, gar nicht mehr hinterherzukommen mit dem Abarbeiten all der formidablen HBO-, Netflix-, Amazon- und Sowiesoserien, befindet sich schon länger in der guten Gesellschaft von Kultur­ehrgeizlingen.

„The Knick“ ist eine lohnende Zeitinvestition. Die erste Staffel gibt es für alle, die sie verpasst haben, für knapp 15 Euro beim DVD-Händler. Die zweite, jetzt im Free-TV laufende, zeigt Thackery wie erwartet in schlechter Form. Was heute in Betty-Ford-Kliniken an drogeninduzierten Beeinträchtigungen sanft wegtherapiert wird, wurde anno dunnemals noch ­etwas anders gehandhabt. Der Patient ist Kokainist? Na, dann geben wir ihm zum Abgewöhnen doch einfach Heroin! Thackery ist ein paranoides Wrack.

Aber zum Glück gibt es den nach wie vor von Ambition, aber auch Vorurteile­n getriebenen Kollegen Dr. Everett Gallinger (Eric Johnson), der Thackery dringend im Krankenhaus benötigt. Das Knickerbocker wird ­umziehen, der Spatenstich am neuen Standort steht kurz bevor, Dr. Algernon C. Edwards (Andre Holland) ist in Thackerys Abwesenheit der Chef am Skalpell. Edwards, die farbige Ausnahme in einem rein weißen Hospital, ist der Intimfeind Gallingers, seit er ihn als zweiter Mann hinter Thackery ausstach. Gallinger braucht Tackery, um selbst wieder ein Bein auf den Boden des Knicks zu bekommen, weshalb er den völlig derangierten Junkie gegen dessen Willen kurzerhand aus der Suchtklinik entführt.

Rassentrennung, Pferdekutschen, ganze Stadtquartiere, die sich in Quarantäne befinden, von der Beulenpest daringeraffte Europäer, die nur noch als Leichen in der Neuen Welt ankommen: Es ist die volle 1900er-Härte, die gleich in der ersten Folge der neuen „The Knick“-Staffel zum Tragen kommt. Die Serie ist Geschichtsstunde mit allerhöchstem Unterhaltungswert.

„The Knick“, heute, 22.30 Uhr, ZDFneo