Kultur

„Hungrig nach verrückten Ideen“

Steven Spielberg realisierte mit „BFG – Big Friendly Giant“ seine erste Märchenverfilmung. Ein Gespräch über Kindheit und Karriere

Mit „BFG – Big Friendly Giant“, einer Adaption von Roald Dahls Kinderbuch „Sophiechen und der Riese“, verfilmt Steven Spielberg erstmals ein Märchen. Der dreimalige Oscar-Gewinner gibt sich beim Festival de Cannes locker, kommt superpünktlich und plaudert über Hunger nach neuen Themen, die Liebe zum Film und warum er Vater wurde. Im September feiert Spielberg, Regie-Ikone und Erfolgsproduzent, seinen 70. Geburtstag. Seine Lust und sein Appetit aufs Filmemachen sind nicht kleiner geworden. Im Gegenteil.

Wie viel Kind steckt in Ihnen, wenn Sie ein Fantasy-Abenteuer wie „BFG – Big Friendly Giant“ realisieren?

Steven Spielberg: Da werden Erinnerungen an meine eigene Kindheit wach. Kinder sind etwas Wunderbares, sie existieren einfach, wissen nicht, was falsch oder richtig ist. Kindheit bedeutet ein schmales Zeitfenster, Jahre einer scheinbar endlosen Freiheit, bevor wir Entscheidungen fällen müssen, das Gehirn uns Verhaltenssignale gibt. Im Kino können wir diese Gefühle von damals noch einmal erleben. Ich liebe die Arbeit mit Kindern, sie sind so wahrhaftig, ganz ohne Hintergedanken.

Was waren Sie für ein Kind?

Ich war mein eigenes Monster, hatte Angst vor allem und flüchtete mich in grenzenlose Fantasie. Da bekam ein Stuhl auch schon mal richtige Füße, machte sich selbstständig und klopfte an meine Tür, oder aus Wolken wurden Saurier. Meine Eltern befürchteten, ich hätte mentale Probleme, und wollten mich zum Arzt schleppen, weil ich ständig Dinge sah, die nicht existierten.

Warum ausgerechnet die Verfilmung von Roald Dahls Kinderbuch?

„BFG“ ist meine erste Märchenverfilmung. Mit Mark Rylance und Ruby Barnhill hatte ich es mit zwei Kindern zu tun, eines war 50 Jahre alt, das andere neun. Ich musste auf keine Fakten Rücksicht nehmen wie bei historischen Filmen wie „Lincoln“ oder „Amistad“, sondern konnte meine Fantasie sprühen lassen, gemeinsam hingen wir unseren Träumen nach. Ich war richtig hungrig nach verrückten Ideen und Einfällen.

Macht dieser Hunger die Themen- und Projektsuche nicht noch komplizierter?

Ich erzwinge nichts und nehme auch Rückschläge in Kauf. Regie führe ich nur, wenn mich ein Thema inspiriert und wirklich anspringt, meine Leidenschaft weckt. Ansonsten kann ich mit meiner Firma interessante Drehbücher akquirieren, Filme produzieren und Regisseure engagieren, bin sehr beschäftigt und muss nicht unbedingt Regie führen. Mein Instinkt lenkt mich zum richtigen Projekt, bei der finalen Entscheidung spielen Bauch und Kopf mit. Zu Beginn eines Films komme ich mir immer wieder wie der zwölfjährige Steven vor, der erstmals eine Kamera in der Hand hielt und dann loslegte.

Haben es junge Filmemacher heute leichter oder schwerer als zu Ihrer Zeit?

Es ist heute einfacher, einen Job zu bekommen, es gibt mehr Kontaktmöglichkeiten. Aber unabhängig zu arbeiten ist dagegen viel schwieriger. Einen Geld­geber, der nicht mitreden will und die künstlerische Freiheit nicht einschränkt, muss man lange suchen.

Stimmt es, dass Sie auch ganz persönliche Homevideos drehen?

Dazu stehe ich. Meine Videokamera habe ich ständig dabei. Und Weihnachten drehen wir immer einen Film über die Familie, unterlegen ihn mit Spezial­effekten und Musik. Da freuen wir uns alle drauf. Meine Aufnahmen und die der Kinder schneiden wir zusammen. Zur Erinnerung kriegt jeder eine DVD. Das ist schon eine richtige Tradition.

Gibt es eine Lieblingsszene in Ihren Filmen, die Sie sich immer wieder gerne ansehen?

Ich habe keine Lieblingsszene, auch keinen Lieblingsfilm. Weltweit am besten funktionierte „Schindlers Liste“, die nachhaltige Wirkung führte später zur Gründung meiner Shoa Foundation, die Berichte von über 2000 Holocaust-Überlebenden gesammelt und archiviert hat. Der Film war ein Fanal für Toleranz und sensibilisiert gegen jegliche Form von Hass und Menschenverachtung. Nach diesem Werk brauchte ich erst einmal eine Pause von drei Jahren und musste mich neu sortieren, das Trauma überwinden, das mir dieser Film bescherte.

Welche Filme haben Sie besonders geprägt?

Ich bin mit Grimms Märchen und Walt-Disney-Filmen aufgewachsen. Wirklich prägend waren die ersten Filme auf dem College, da habe ich mit François Truffaut eine ganz neue Welt entdeckt. Oft klopfen wir uns in Amerika auf die Schulter und bilden uns ein, das Kino erfunden zu haben. Aber die Filmgeschichte begann in Frankreich, und ich verdanke diesem Land und dem Festival de Cannes sehr viel.

Schauen Sie sich Ihre Filme noch einmal an?

Mit jedem meiner sieben Kinder musste ich mir „E.T. – Der Außerirdische“ anschauen, auch mit meinen zwei Enkeln, also insgesamt neunmal in den vergangenen 25 Jahren. „E.T.“ weckte übrigens in mir den starken Wunsch, Vater zu werden. Das Resultat: Drei Jahre später kam mein erster Sohn zur Welt. Durch meine Kinder bin ich inzwischen immer auf dem Laufenden über aktuelle Musik, soziale Medien oder das Kino. Und wenn sie mir einen Film ans Herz legen, gucke ich ihn mir an. Kinder und Eltern sollten einander zuhören, sich gemeinsam entwickeln und voneinander lernen.

Wenn Sie auf Ihre lange Karriere zurückblicken: Haben sich Ihre Träume als junger Filmemacher erfüllt?

Mein Appetit ist im Laufe der Jahre nicht kleiner, sondern größer geworden. Allerdings ist das Filmemachen eine körperlich sehr anstrengende Angelegenheit, der härteste Job der Welt. Trotzdem: Je mehr ich arbeite, umso mehr will ich arbeiten. Das Wichtigste, was ich erreicht habe, ist das Recht, über meine Projekte entscheiden zu können, das Recht, meine Geschichten zu erzählen, ohne Einengung von außen. Künstlerische Freiheit ist das A und O allen kreativen Schaffens. Deshalb habe ich auch mein eigenes Studio gegründet.

Und genießen eine Ausnahmeposition …

Das stimmt. Wenn ich an einen Stoff glaube und der Geschichte vertraue, ziehe ich den Film durch. Viele angeheuerte Regisseure sind nicht so privilegiert, ständig guckt ihnen einer auf die Finger. Dabei träumt doch jeder Filmemacher davon, seine ureigenen Ideen umzusetzen. Als Student freut man sich über jeden Job, ob Werbung oder Videos für YouTube. Nach dem ersten Film und dem ersten Zuschauerapplaus will man aber nicht mehr zurück, man brennt für eigene Projekte.

Eine Kritik des Films lesen Sie im aktuellen LIVE-Heft auf Seite 4.