Hamburg

Ein großer europäischer Erzähler

Die Geschichte seiner Familie inspirierte den ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy. Jetzt ist er mit 66 Jahren gestorben

Hamburg.  „Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt.“ Der erste Satz in „Harmonia Caelestis“ lautet so, jenem großen Roman einer Epoche, Roman einer Familie, mit dem Péter Esterházy berühmt geworden ist. Es ist die Saga seiner eigenen Familie, eines berühmten ungarischen Adelsgeschlechts, dessen Bedeutung sich über das Abendland erstreckt.

Goethe sprach einst vom „Esterházyschen Feenreich“, und der Komponist Joseph Haydn (1732–1809) stand im Dienst der hochwohlgeborenen Sippe.

„Harmonia Caelestis“ ist unweigerlich die Geschichte eines Niedergangs, denn im Kommunismus zählte blaues Blut nichts. Esterházy, 1950 in Budapest geboren, kannte den Glanz der Seinen nur aus Erzählungen. Mutmaßlich besonders denen des Vaters, der in seinem zentralen Werk zu einer nachgerade mythischen Gestalt wird. Ob er ihm alles glaubte, ihm, dem oft Abwesenden? Zehn Jahre arbeitete Esterházy an dem Buch, das ihn zum neben Péter Nádas wichtigsten Chronisten der ungarischen Geschichte machte.

Er stellte die Geschichte der Esterházys im Panorama der jahrhundertealten europäischen Historie dar – so schuf er auch ein opulentes Bilderbuch von Österreich-Ungarn.

Und er tat es als überzeugter Postmodernist, der dem Disparaten des geschichtlichen Erlebens mit einer offenen Erzählstruktur beizukommen suchte. Die Esterházy-Saga ist eine Collage aus Anekdoten und Episoden, die ohne chronologische Reihenfolge nebeneinander stehen können. Zusammengehalten werden sie von einem, was den Wahrheitsanspruch von Sprache und Literatur angeht, skeptischen und vor allem ironischen Erzähler, der an Linearität nicht interessiert ist. Er zog die humoristische, spielerische Herangehensweise an seinen Stoff der gefühlssatten Überhöhung vor.

„Harmonia Caelestis“ erschien 2000. Esterházy musste kurz nach der Veröffentlichung erfahren, dass sein Vater mit dem ungarischen Geheimdienst kooperiert hatte. Die Entdeckung verarbeitete er in dem Buch „Verbesserte Ausgabe“.

Sein Protest war ästhetisch, nicht politisch

Von Hause aus war Péter Esterházy Mathematiker. Sein erstes literarisches Werk, „Fancsikó und Pinta“, erschien 1976. Es folgten „Produktionsroman“, „Kleine ungarische Pornografie“ und „Donau abwärts“, die Esterházy zu einer wichtigen Stimme der europäischen Literatur machten. Der „Produktionsroman“, ein wildes, feuriges Stück Literatur, 1979 im Original erschienen, wurde von der deutsch-ungarischen Schriftstellerin Terézia Mora ins Deutsche übertragen.

Wer ihn 2010 las, hörte noch einmal das Echo der unfreien Zeit der Ideologien und Eisernen Vorhänge. Esterházy, der bei Entstehen noch junge Autor, lüftete den Vorhang und zeigte beherzt, wie miefig die Kultur-Doktrinen der kommunistischen Herrscher waren. Der Roman gilt als Beginn der ungarischen Literaturmoderne. Man hatte ihm mitunter vorgeworfen, nicht die Position eines Dissidenten eingenommen zu haben. Sein Protest war anderer Natur, er war ästhetisch, nicht politisch.

Von der Geschichte zu erzählen hieß für Esterházy, von seinen Eltern zu erzählen. Seiner Mutter widmete er zwei Bücher. „Die Hilfsverben des Herzens“ (1985) erzählte von ihrem Sterben, „Keine Kunst“ von ihrem Leben – und ihrer Liebe zum Fußball. Der legendäre Puskás machte ihr einst den Hof.

Man konnte mit Esterházy wahrscheinlich über vieles scherzen, nur über eines nicht: die Niederlage Ungarns gegen Deutschland im Endspiel der Weltmeisterschaft von 1954. „Deutschlandreise im Strafraum“ heißt seine sehr persönliche Betrachtung deutscher Fußballherrlichkeit, die eigentlich auch wieder eine Betrachtung der eigenen Familie ist. Sein jüngerer Bruder war ungarischer Nationalspieler und nahm 1986 an der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko teil.

Seinem Freund Imre Kertész, dem Ende März dieses Jahres verstorbenen Literaturnobelpreisträger, hielt Esterházy im April noch die Grabrede. „Man sagt, ein Schriftsteller lebe in seinen Büchern weiter, aber auch das würde ich jetzt nicht weiter forcieren“, verlas er dort.

Man kann es aber durchaus forcieren: Péter Esterházy, der oft augenzwinkernde und Finten schlagende große europäische Erzähler, wird in seinen Büchern überleben. Im vergangenen Herbst hatte er seine Erkrankung an Bauchspeicheldrüsenkrebs öffentlich gemacht.

Nun ist der vielfach Ausgezeichnete, der unter anderem 2004 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam, im Alter von 66 Jahren in Budapest gestorben.