Hamburger Kammerspiele

"Wand an Wand": Immer Ärger mit den Nachbarn

Komische Schieflage:
Franziska Troegner
und Walter Plathe in
„Wand an Wand“ in
den Kammerspielen

Foto: Bo Lahola

Komische Schieflage: Franziska Troegner und Walter Plathe in „Wand an Wand“ in den Kammerspielen

Peter Dehler inszeniert seine Komödie "Wand an Wand" in den Kammerspielen und setzt ganz auf seine famosen Hauptdarsteller.

Hamburg.  Auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele liegt ein Umzugskarton. Als langjähriger Bewohner eines Mehrparteienhauses weiß man, was das heißt: neue Nachbarn! Lärm! Hektik! Übergriffigkeiten! Der eigenbrötlerische Rentner Franz jedenfalls fühlt sich gestört, als Waltraud in die Nachbarwohnung zieht, zu Recht: Waltraud telefoniert lautstark, Waltraud trampelt übers Parkett, Waltraud stellt ihre Pumps bereit, Waltraud setzt die Bohrmaschine an (und sorgt mit traumwandlerischer Sicherheit für einen Stromausfall).

Peter Dehler hat mit "Wand an Wand" eine Art Romantic Comedy für Best Ager geschrieben – Franz und Waltraud keksen sich erst an und verfallen einander im Anschluss, das ist so amüsant wie vorhersehbar. Allerdings ist dem Stück seine eigene Vorhersehbarkeit von vornherein klar: "Die Schöne und das Biest" beschreibt Waltraud einer Freundin ihre Beziehung zum miesepetrigen Nachbarn. Nur um im nächsten Satz klarzustellen, dass ihr der inhaltliche Bezug durchaus bewusst ist: "Ja, ich weiß auch, was mit den beiden passiert!" Schön, dass das geklärt wäre, dann muss man sich auch gar keine Gedanken um Spoiler machen – dass Franz und Waltraud sich am Ende kriegen werden, ist keine Überraschung, spannend ist der Weg dorthin.

Dehler, Ex-Schauspielchef in Schwerin und dort mit Inszenierungen von Uwe Tellkamps "Turm" über Henrik Ibsens "Peer Gynt" bis zur eigenen Andersen-Bearbeitung "Die Schneekönigin" ein formal wie inhaltlich recht breit aufgestellter Theatermacher, hat die Uraufführung von "Wand an Wand" ganz auf Walter Plathe und Franziska Troegner zugeschnitten.

Eine gute Entscheidung: Angesichts der Tatsache, dass das Stück mit seiner fast bis zum Nullpunkt unspektakulären Handlung immer wieder ein wenig durchhängt, füllen die beiden Komödienroutiniers ihre Figuren mit sichtbarer Freude an der selbst entblößenden Charge mit Leben; er als eher unsicherer denn wirklich misanthropischer Bär, sie als ständig ein, zwei Stufen zu laute Wuchtbrumme mit enervierend guter Laune. Dazu kommen ein sicheres Gespür fürs Timing, das Wissen, wann ein Witz zweimal gut funktioniert und ein drittes Mal zu viel wäre und ein, zwei echte Kabinettstückchen wie die Videoeinspielungen der "Herren in den Datingportalen" (als hübscher Cameo-Auftritt des Regisseurs selbst), die nahezu Loriot-Qualitäten mitbringen.

Angesichts dieser Spielfreude müsste es gar nicht sein, dass die Geschichte immer wieder durch mal passendere, mal unpassendere Songeinlagen von Hildegard Knef über Gloria Gaynor bis Frank Sinatra verzögert wird (Piano: Thomas Möckel), aber gut: "Wand an Wand" ist ohnehin recht kurz geraten, mit Zugaben kommt der Abend auf knappe 90 Minuten. Die Songs retten das Stück über die Zeit, auch wenn sie das Tempo unnötig ausbremsen.

Sexualität im Alter, Anonymität der Großstadt – dass der Stoff auch einen ernsten Unterton hat, wird in den Kammerspielen nur angedeutet, wichtig ist Dehler eindeutig die harmonische Durchführung seiner "Wand an Wand"-Verkupplung. Und so klimpert sich der Abend so fröhlich wie locker zum erwartbaren Happy End, das freilich im Epilog mit Kurt Tucholsky überraschend böse gebrochen wird.

So einfach, wie während der vorangegangenen anderthalb Stunden gedacht, macht es einem diese Inszenierung nämlich doch nicht: Ein Lacher ist eine schöne Sache, aber ohne leichte Verschattung ist er nicht zu haben.

Nächste Vorstellungen: Fr 15.7., Sa 16.7., jeweils 20.00, So 17.7., 19.00

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.