Laeiszhalle

Hommage an vergessenen Künstler Karlrobert Kreiten

Moritz von Bredow, Kinderarzt und Klaviermusikförderer, in seiner Wohnung

Moritz von Bredow, Kinderarzt und Klaviermusikförderer, in seiner Wohnung

Foto: Roland Magunia / HA

Ein Hamburger Kinderarzt hat eine Konzerttournee organisiert, um an den von den Nazis ermordeten Pianisten zu erinnern.

Hamburg.  Es klingt wie ein Spionageroman: Da fragt ein Freund des Sohnes am Telefon, in welchem Hotel dieser in Heidelberg logiere. Die Mutter im fernen Düsseldorf erteilt arglos Auskunft. Aber sie ist auf einen Häscher hereingefallen. Kurz darauf wird der Pianist Karlrobert Kreiten von der Gestapo verhaftet. Die Lackschuhe für seinen Auftritt hat er schon an; das Konzert, das er hätte geben sollen, fällt aus. Kreiten, 27 Jahre alt, wird die Freiheit nicht wiedererlangen. Vier Monate später, am 7. September 1943, wird er in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee gehängt.

Kreiten wurde aus einer glänzenden Karriere gerissen. Mit elf Jahren debütierte er in der Düsseldorfer Tonhalle, 16-jährig gewann er den Großen Mendelssohn-Preis in Berlin. Der Dirigent Wilhelm Furtwängler setzte sich für den inhaftierten Kreiten ein; einer von Kreitens Lehrern, der weltberühmte Pianist Claudio Arrau, nannte ihn noch 1983 „eines der größten Klaviertalente, die mir persönlich begegnet sind“.

Doch wer kennt heute noch den Namen? Die Angehörigen natürlich, eine Handvoll Klavierexperten. Und ein paar politisch Interessierte, die vor bald 30 Jahren die Affäre um den Fernsehjournalisten Werner Höfer miterlebt haben. Zu ihnen gehört Moritz von Bredow, heute Kinderarzt, Buchautor, Musik­ermöglicher und manches mehr. Der stieß im Frühjahr 2015 in der Dokumentation „Tod eines Pianisten“ auf Kreitens Geburtsdatum, den 26. Juni 1916. Beim Tee in seiner Harvestehuder Wohnung erzählt Bredow, wie die Jahreszahl fast unmerklich in seinem Bewusstsein zu kreisen begann, bis ihm die Idee vor Augen stand: An diesen 100. Geburtstag sollte gebührend erinnert werden. Was lag da näher, als ein Konzert zu geben?

Es werden acht. Achtmal erklingt „Das ungespielte Konzert“ in diesen Tagen, in Städten, die mit Kreiten direkt oder indirekt zu tun haben. Von Bredow hat Konzerte in Kreitens Geburtsstadt Bonn organisiert, in Düsseldorf, wo Kreiten aufwuchs, in Heidelberg und in Berlin, wo er starb. Nach Hamburg, in den Kleinen Saal der Laeiszhalle, kommt das Projekt am 27. Juni. Florian Heinisch spielt die Werke von Bach/Busoni, Mozart und Beethoven, Chopin und Liszt, die auf dem Programm von Kreitens Heidelberger Konzert standen.

Warum musste es ausfallen? Kreiten war wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung denunziert worden. Nach Bekunden derer, die ihn kannten, war er kein genuin politischer Kopf, eher schüchtern und ganz seiner Kunst hingegeben. Doch als er im März 1943 einige Tage zum Üben bei Ellen Ott-Monecke zu Gast war, einer alten Bekannten seiner Mutter, die Hitler offenbar treu ergeben war, hatte er einige Wortgefechte mit ihr. „Was lesen Sie denn da für einen Mist“, fragte er sie, gemeint war der „Völkische Beobachter“, „das ist ja alles Lug und Trug.“ Der Krieg sei verloren, und ob sie denn nicht wüsste, dass der „Führer“ krank sei? „Von einem Wahnsinnigen hängt nun das Geschick von Deutschland ab.“ Seine ­Gastgeberin erzählte davon zwei Nachbarinnen. Die drei Empörten brachten Kreitens Äußerungen vor die Reichsmusikkammer, und als die davon kaum ­Notiz nahm, wandten sie sich an die Gestapo.

Während Kreitens offene Worte angesichts der herrschenden Verhältnisse geradezu naiv wirken, muss er als Musiker eine außerordentliche Reife gehabt haben. Die Presse bejubelte nicht nur seine „vielfältig abgestufte Anschlagskunst“ und „außerordentliche Geläufigkeit“, sondern auch die „bezaubernde Gelöstheit“ seines Spiels. In Düsseldorf sind kürzlich bislang unveröffentlichte Tondokumente aufgetaucht. Bislang gibt es nur eine einzige, posthum erschienene Schallplatte. Sie enthält auch einige gesprochene Worte Kreitens. Artig sagt er auf, was er gespielt hat, ein Nocturne von Chopin etwa oder eine Klavierbearbeitung von Strauß’ Walzer „An der schönen blauen Donau“.

Die Stimme klingt älter als die 18 Jahre, die er bei der Aufnahme zählte, sie schwingt sich auf und ab, Kreiten rollt leicht das „r“ und spricht mit diesem Hauch von Feierlichkeit, den man auch von den Tonfilmen der 30er-Jahre kennt. Rauschen und Krächzen umweht die ganze Aufnahme. Die Wiedergabe der Stücke aber ist so frisch und subtil bewegt, als hätte sich Kreiten eben gerade ans Klavier gesetzt. „Er konnte die Musik darstellen, ohne sich als Person in den Vordergrund zu spielen“, sagt von Bredow. „Das ist ein ungeheuer entschlossenes, rhythmisch präzises, von innen heraus gestaltendes Klavierspiel.“

Von Bredow hat den Vergleich. Er sitzt in mehreren Wettbewerbsjurys. Auf der Leipziger Buchmesse hörte er 2012 den Pianisten Florian Heinisch bei einem Hochschulkonzert zum 100. Geburtstag von John Cage und war beeindruckt von Heinischs Virtuosität und singendem Klavierton wie auch von dessen Einsatz für die Neue Musik. „Als ich überlegte, wer dieses Programm spielen könnte, ist er mir als Erster eingefallen“, sagt von Bredow. „Er hat ganz ähnliche pianistische Qualitäten wie Kreiten.“

Wer gegen das Vergessen anspielt, darf nicht aufhören

Das Projekt stemmt er allein. Fünf von acht Sälen hat er gemietet, das Programmheft gestaltet, für Werbung gesorgt. Und wer zahlt? Sponsorengeld oder öffentliche Zuschüsse erhält er nicht. „Ich habe auch nicht darum gebeten. Ja, es ist viel Geld. Aber ich rechne das nicht zusammen.“ Seine Mission: „Ich fühle mich verpflichtet, einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten.“

Kreitens Geschichte hat bis in die 1980er-Jahre nachgewirkt. Wenige Tage nach Kreitens Tod hatte der Kommentator Werner Höfer im Berliner „12-Uhr-Blatt“ die strenge „Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers“ gepriesen, ohne allerdings Kreiten beim Namen zu nennen. 1962, Höfer war mittlerweile mit seinem „Internationalen Frühschoppen“ zu einem journalistischen Aushängeschild der Bonner Republik avanciert, erinnerte eine Ostberliner Illustrierte an Höfers Kommentar, aber Höfer konnte sich damit herausreden, er habe Kreiten nicht gemeint.

Erst 25 Jahre und ein Bundesverdienstkreuz später brachten Artikel im „Spiegel“ und in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Höfer als Moderator des „Frühschoppens“ zu Fall. Die komfortablen Lebensumstände eines TV-Direktors blieben ihm indes erhalten.

Karlrobert Kreiten dagegen, der Junggestorbene, hat nicht einmal ein Grab. Seine Leiche wurde an einen unbekannten Ort gekarrt. Und da Musik nun einmal zu den flüchtigsten Künsten gehört, werden auch die Konzerte zu seiner Erinnerung wieder verklingen. Wer gegen das Vergessen anspielen will, darf damit nicht aufhören.

Das ungespielte Konzert Mo 27.6., 19.30, Laeiszhalle, Kleiner Saal. Karten zu 20,-(erm. 12,-) unter T. 35 76 66 66