Neues Buch

Baugeschichte: Wie Hamburger Architekten wohnen

Sein zweites Wohnhaus an der Elbchaussee 139 entwarf Meinhard von Gerkan im Jahr 1986. Bis heute wirkt es sehr modern

Sein zweites Wohnhaus an der Elbchaussee 139 entwarf Meinhard von Gerkan im Jahr 1986. Bis heute wirkt es sehr modern

Foto: Jürgen Schmidt

Im Verlag Dölling & Galitz ist ein Band erschienen, der anhand von rund 850 Fotografien und Plänen 100 Jahre Baugeschichte illustriert.

Hamburg.  Ihr Leben lang müssen Architekten den Wünschen und Träumen ihrer Auftraggeber Gestalt verleihen. Es gibt meistens nur eine Gelegenheit, zu der sie den eigenen Vorstellungen uneingeschränkt nachgehen können, nämlich, wenn sie ihr eigenes Domizil bauen. Hamburg hat viele namhafte und einige berühmte Architekten hervorgebracht. Im Dölling & Galitz Verlag ist jetzt ein dickes Buch, „Der Architekt als Bauherr“, erschienen, das ohne den Sachverstand aller Beteiligten wohl nicht entstanden wäre.

Gert Kähler und Hans Bunge, zwei ausgewiesene Kenner der Szene, haben mit sehr viel Einsatz alte Fotos und Pläne zutage gefördert und Geschichten von Witwen und Nachkommen zusammengetragen. Gerd Bunge klapperte viele Adressen mit dem Fahrrad ab und klingelte persönlich an den Türen. Die Recherche in Archiven und Behörden sei so mühsam „wie beim Hauptmann von Köpenick“ gewesen, sagt Bunge.

Die Autoren richten den Blick über den Tellerrand hinaus

Auch editorisch ist der schwere Wälzer, der allein 850 Fotos und Pläne enthält, eine Glanzleistung. Es ist der Zusammenklang dieser 80 Häuser von 62 Hamburger Architekten aus mehr als 100 Jahren Baugeschichte bis in die Gegenwart, der das Buch so lesenswert macht. Vom Historismus über den Jugendstil, die Moderne der 1920er-Jahre, den gemäßigten Heimatstil, bescheidene Nachkriegsbauten und neue Häuser wie Meinhard von Gerkans sehr gelungener, organisch geformter „Architektur-Salon“ hoch über der Elbe, die mit den Gärten und dem Hang ringsum verschmelzen. Das gelang von Gerkan bereits mit dem ersten eigenen Wohnhaus am Hirschpark, das er ebenfalls mit ineinander übergehenden Räumen baute. Sein zweites eigenes Wohnhaus steht vis-à-vis zu seinem Büro.

Die Autoren halten es durchaus für möglich, vom eigenen Wohnhaus auf den Architekten zu schließen oder gar auf eine „Hamburgische Architekturhaltung.“ Deshalb richten sie anfangs den Blick weit über den Hamburger Tellerrand hinaus in die Welt: Der geneigte Leser lernt viel dazu – über den Wiener Otto Wagner als letzten Vertreter einer repräsentativen, aristokratischen Villen-Auffassung mit Freitreppe etwa, über Alvar Aalto bis zu Le Corbusier, der an der Côte d’Azur sein asketisches „Cabanon“ auf einer Felskuppe errichtete, klein und funktional wie eine Schiffskabine. Von solchen Extravaganzen ist Hamburg allerdings meilenweit entfernt.

Doch nie geht es nur um das eigene Haus. Stets stellen die Autoren es in den Kontext weiterer wichtiger Bauten des jeweils beschriebenen Architekten und fügen oft einen persönlichen Essay über den Baumeister ein. In ihrer Zusammenfassung wagen sie eine gewisse Charakterisierung: „Eine Stadt, eine Architektenschaft, die 50 Jahre lang über ein neues Rathaus diskutiert, es dann in einer Art Neorenaissance realisiert, der zum Bauzeitpunkt kaum noch zeitgemäß war, es dann aber auch noch schafft, einen schlüssigen Bau hinzustellen, der bis heute einen überzeugenden Ort der Identifikation für die Stadt bildet – eine solche Stadt lässt sich nicht Hals über Kopf auf Stilexperimente ein.“

Nebenbei wird wieder einmal bewusst gemacht, wie geistlos und irgendwie sinnfrei das Entkernen historischer Bauten ist. Schließlich beziehen sich Innen- und Außenraum in jedem Bau aufeinander, und viele wurden so gebaut, dass sie sich auch anders nutzen lassen. Das allerdings braucht Fantasie, Beweglichkeit, Kenntnis und Respekt. Manch ein Hamburger weiß womöglich gar nicht, dass er im Wohnhaus eines einst wichtigen Architekten der Hansestadt wohnt. Die Adressen aller noch stehenden Häuser sind aufgeführt, historische und aktuelle Fotos eingefügt. Ludwig Raabe zum Beispiel hat den Elbtunnel gebaut und das Helenenstift, sein eigenes hübsches Haus steht in Groß Flottbek.

Ein Kapitel widmet sich den Gärten, ein anderes der Inneneinrichtung von Hamburger Architektenhäusern. Bemerkenswert ist die Realisierung einer Bauherrengemeinschaft durch Bernhard Hermkes, der selbst dort in einem skandinavisch einfachen Doppelhaus wohnte. Er baute unter anderem das Audimax der Universität. Haus und Garten gingen durch die großen Fenster fast ineinander über, Zäune wurden erst sehr viel später gezogen, woraus die Autoren ironisch folgern: „Wir sind eben nicht so weit wie 1950.“