Hamburg

Kunsthistoriker Aby Warburg und der Rest der Welt

Als junger Kunsthistoriker war Aby Warburg 1896 zu Gast bei den Hopi-Indianern
in Oraibi (Arizona), deren Schlangenritual er erforschte

Als junger Kunsthistoriker war Aby Warburg 1896 zu Gast bei den Hopi-Indianern in Oraibi (Arizona), deren Schlangenritual er erforschte

Foto: Warburg Institute

Heute vor 150 Jahren wurde der weltberühmte Kunsthistoriker jüdischer Herkunft in Hamburg geboren.

Hamburg.  Wie wirkt eine barocke Aktdarstellung aus der Hamburger Kunsthalle auf syrische Flüchtlinge, die durch die sunnitische Kultur ihres Heimatlandes geprägt sind? Aby Warburg hätte das enorm interessiert, denn die Frage, wie sich die Wirkung und Wahrnehmung von Bildern verändert, wenn sie von der einen in eine andere Kultur gelangen, war eines der wichtigsten Forschungsthemen des Hamburger Gelehrten, der an diesem Montag vor 150 Jahren geboren wurde. Warburg hat diese „Bildwanderung“ zum Beispiel bei europäischen Münzen untersucht, die in der Spätantike nach Indien gelangten, wo man deren Passionsszenen nicht mehr religiös deutete, sondern als Ausdruck des menschlichen Leidens ganz allgemein. Das Weiterwirken und die Transformation der antiken Kultur in der Neuzeit war das zentrale Thema dieses außergewöhnlichen Gelehrten, der die Ikonografie als Fachwissenschaft in der Kunstgeschichte eingeführt hat.

Aby Warburgs Geburtstag wird heute und in den kommenden Wochen in Hamburg mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen gefeiert (siehe Kasten). Damit würdigt die Stadt einen originellen und bis heute einflussreichen Denker und eine ganz außergewöhnliche hanseatische Persönlichkeit. Als ältester Sohn einer jüdischen Hamburger Bankiersfamilie schien sein Werdegang eigentlich vorgezeichnet. Doch als 13-Jähriger entschied er sich radikal anders und machte seinem jüngeren Bruder Max das folgende Angebot: Er würde ihm sein Erstgeburtsrecht – und damit die eigentlich ihm zustehende Übernahme der Leitung der Bank – gegen die Zusicherung ­abtreten, lebenslang alle Bücherkäufe finanziert zu bekommen.

Max Warburg, der zu seinem Bruder immer ein herzliches Verhältnis unterhielt, bezeichnete diesen Pakt später einmal scherzhaft als „den leichtsinnigsten Vertrag meines ­Lebens“, den er gleichwohl nie bereut habe. Während Max aus dem Familienbetrieb eines der angesehensten und erfolgreichsten deutschen Bankhäuser machte, wusste Aby die finanziellen Möglichkeiten des Bruders zu nutzen und baute seine berühmte kulturwissenschaftliche Bibliothek auf. Er kaufte systematisch und fächerübergreifend kulturwissenschaftliche Veröffentlichungen, die er ab 1909 in dem damals erworbenen Haus an der Heilwigstraße 114 unterbrachte, das ihm zugleich als Wohnung diente. Später erwarb er noch das Nachbarhaus Nummer 116, wo ab 1924 ein von Gerhard Langmaack entworfener Bibliotheksneubau entstand. Der bis heute bestehende ovale Lesesaal, eines der innovativsten ­innenarchitektonischen Konzepte der 1920er-Jahre in Hamburg, wurde auch als Hörsaal genutzt, überhaupt nahm die auf insgesamt 120.000 Bände konzipierte private Büchersammlung vor allem durch die Zusammenarbeit mit der 1919 gegründeten Universität immer mehr den Charakter einer öffentlichen Wissenschaftsinstitution an.

Die erste „Tagesschau“ kam aus dem Warburg-Haus

Mnemosyne heißt die für Erinnerung und Gedächtnis zuständige griechische Göttin. Aby Warburg nutzte ihren ­Namen für sein Großprojekt, einen Bildatlas, in dem er anhand zahlloser Beispiele die Vorbildwirkung antiker Bildwerke auf die Kunst der Renaissance dokumentierte. „Mnemosyne“ steht auch auf Warburgs Grabstein auf dem Ohlsdorfer Friedhof, wo man ihn bestattete, nachdem er am 26. Oktober 1929 im Alter von 63 Jahren einem Herzinfarkt erlegen war.

Zu dieser Zeit umfasste die Bibliothek etwa 60.000 Bände, die von namhaften Wissenschaftlern wie Ernst Cassirer, Gustav Pauli und Erwin ­Panowsky intensiv genutzt wurden. Da Warburgs Lebenswerk als jüdische Institution mit dem Machtantritt der ­Nazis akut gefährdet war, organisierten Freunde eine groß angelegte Rettungsaktion. Dank der Unterstützung des amerikanischen Familienzweigs sowie englischer Spender, konnte der Umzug der berühmten Büchersammlung gerade noch rechtzeitig in die Wege geleitet werden. Am 12. Dezember 1933 wurde die Bibliothek an Bord zweier Frachtschiffe nach London transportiert, wo sie bis heute in Verbindung mit der University of London vom dortigen Warburg Institute betreut wird.

Das Gebäude an der Heilwigstraße wurde später von unterschiedlichen Institutionen genutzt. So produzierte der damalige NWDR 1952 hier die erste „Tagesschau“. Seit 1995 dient die „Arena der Wissenschaften“ als interdisziplinäres Forum für Kunst- und Kulturwissenschaft. Die von der Hamburger Universität und der Aby-Warburg-Stiftung getragene und von der Wissenschaftsbehörde geförderte Einrichtung widmet sich der geistes- und kulturgeschichtlichen Forschung, wendet sich über den akademischen Bereich hinaus aber auch an die interessierte Öffentlichkeit.