Hamburg

Jugendstück über den Arabischen Frühling

Aufbruch/Inqilab überzeugt im Schauspielhaus-Rangfoyer auch mit darstellerischer Frische

Hamburg.  Wo Flüchtlinge sind, da gibt es eine Krise. So weit sind sich viele einig. Erstaunlich eigentlich, wie selbstverständlich es längst nur noch darum geht, dass diese Krise hier stattfindet, im Westen, im Frieden. Und dass immer seltener, im Grunde: kaum noch darüber gesprochen wird, welche „Krise“ einen Menschen erst zum Flüchtling macht. Unterdrückung, Gewalt, Zensur, Hunger, Angst, der Katalog ist lang. Und vor der Flucht steht bisweilen der Aufstand. Erinnert sich noch jemand an den Arabischen Frühling?

Das Theaterstück „Aufbruch/Inqilab“ von Michael A. Müller erzählt nun im Rangfoyer des Deutschen Schauspielhauses eine beispielhafte, spannend aufbereitete Geschichte. Zwei Brüder, zwei arabische Leben. Der ältere, Automechaniker Lunis, ist Pragmatiker, ein Traditionalist, der hart arbeitet, den Vater ehrt und irgendwann eine anständige Frau anstrebt. Der andere, Student Jared, ist ein Träumer, Rebell, Idealist. Er schreibt einen Blog, lässt sich von der revolutionären Stimmung entflammen, glaubt an die Kraft der Worte, an die Möglichkeit der Veränderung.

Und Veränderung wird es geben, im Leben beider Brüder. Allerdings nicht so, wie sie es sich jeweils erhofft hatten.

Michael Webers Inszenierung der Uraufführung ist eine Koproduktion mit dem Schauspielstudio Frese, einer Hamburger Schauspielschule. Die Rollen sind also – bis auf Kai Hufnagel als Vater – mit Schauspielstudenten besetzt. Ein Nachteil ist das keineswegs, vielleicht sogar im Gegenteil. Vor allem Ahmet Kalebas als Lockenkopf Jared und Dominik Essing als besonnenerer, trotzdem wütender Lunis bringen eine auffällige Frische mit, eine schwärmerische Kraft und starke Bühnenpräsenz, ohne dabei zu viel zu wollen oder in ihrer Jugendlichkeit zu sehr zu übertreiben. Von beiden möchte man künftig gern mehr sehen.

Ihnen begegnet die deutsche „Revolutionstouristin“ Yasmin (Nina Carolin Eichmann), die in einer Mischung aus Naivität und Abenteuerlust mitmischen will bei den Demonstrationen des Arabischen Frühlings. Aber was für einige ein Spiel sein mag, bei dem man eine positive Aufbruchstimmung und eine mitreißende Energie spürt, ist für andere die gefährliche „Auflösung der Ordnung“, die in Verhaftungen und Folter mündet.

Besonders gelungen an der vom Schauspielhaus-Theaterpädagogen Michael Müller geschaffenen Szenenfolge ist der Balanceakt, keine Position zu verraten, keine als eindeutig richtig oder falsch herauszustellen: „Glaubst du, wenn du ihnen einen Hand voll Gedankenfreiheit in den Mund stopfst, davon werden sie satt?“ Die Produktion richtet sich in erster Linie an Schüler ab 15 Jahren. Sie bietet reichlich Diskussionsstoff und ist zugleich lebendiger Geschichtsunterricht.

Aufbruch/Inqilab, Rangfoyer im Schauspielhaus, wieder am 10.6. um 10.30 (Karten 13/7,50 Euro) und 18 Uhr (ausverkauft) sowie am 13. und 14.6., 10.30 Uhr; Tel. 24 87 13