Kultur

Starke neue Bücher ohne zu viel Glücksgedudel

Lektüre-Tipps: Friedrich Christian Delius, Marie-Sabine Roger und Wytske Versteeg

Kann man einen Band mit dem Titel: „Die Küche ist zum Tanzen da“ (Atlantik Verlag, 18 Euro) lustlos zur Seite packen? Nein. Kurzweilige, gut geschriebene Erzählungen der französischen Bestseller-Autorin Marie-Sabine Roger wurden hier zusammengestellt, Beobachtungen aus dem Alltag von Menschen, die nicht zu den großen Gewinnern gehören, die alt sind, im Rollstuhl sitzen oder ganz langweilig Tag für Tag ins Büro gehen. Dass all diese normalen Menschenleben ihr Gutes haben, dass zwischen einem Papagei und einer einsamen alten Frau tiefes Einverständnis herrschen kann und zwei Skateboarder eine Rollstuhlfahrerin glücklich machen können – davon schreibt Marie-Sabine Roger. Eine gute Portion Gehässigkeit, fiese Gedanken und nüchterne Details immunisieren gegen zu viel Glücksgedudel.

Der Büchner-Preis-Gewinner Friedrich Christian Delius („Mein Jahr als Mörder“, „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“) ist mit seinem neuen Roman „Die Liebesgeschichtenerzählerin“ (Rowohlt Verlag, 18,95 Euro) der 50-jährigen Marie auf ihre Zugreise in die Niederlande gefolgt. Vordergründig geht es Marie um Archivrecherchen betreffs ihres königlich niederländischen Ururgroßvaters, von dessen unehelichem Verhältnis mit einer Berliner Tänzerin sie abstammt. In Wahrheit aber begegnet der Leser immer mehr dieser Marie, die sich an die magere Brautwerbung ihres späteren Ehemannes Reinhard erinnert, der gleich wieder zurück in sein U-Boot musste, zurück in den Zweiten Weltkrieg. An die Jahre des Wartens und dann an die eigene wachsende Familie. Im weiteren Verlauf wird auch ihr Vater immer lebendiger, wie überhaupt diese deutsche Familiengeschichte in Maries Gedanken deutlich an Konturen gewinnt. Das Besondere in diesem Buch ist das Aufspüren eines kollektiv weit verbreiteten Verhaltens, einer sprachlichen Rigidität, die das Geschehene, das Monströse, die eigene Schuld, einfach tilgte. Nicht nur, dass die Kinder mit einem „Schluck’s runter“ angezischt wurden, wenn sie weinen mussten. Es geht, so Delius, um „die Abwehrschlachten gegen das Störfeuer im Gehirn, dies endlose Blutvergießen könnte vergeblich oder sinnlos sein“. Friedrich Christian Delius, 1943 in Rom geboren, beschreibt eine ­„tränenlose Trauer“. Nach dem Krieg habe man keine Befreiung empfunden, „sondern Verhärtung und Missmut“.

Ein Buch über ein Paar zu lesen, das sein einziges (Adoptiv-)Kind verliert, ist an sich schon harter Tobak. Anfangs verlangt das Überwindung. Je mehr Wytske Versteeg aber mit gnadenloser Präzision die tieferen Seelenschichten freilegt und die Menschen so enthüllt, dass die schwer erträgliche Wahrheit übrig bleibt, desto weniger kann man das Buch dieser hochbegabten jungen niederländischen Autorin wieder weglegen. „Boy“ (Wagenbach Verlag, Dt. v. Christiane Burkhardt, 10,90 Euro) heißt es, und dieser Junge namens Boy ist tot. Niemand hat ihn verstanden, obwohl er sich so bemühte, nie unangenehm aufzufallen. Seine Klasse hat ihn brutal gemobbt, und seine so bemühten Eltern fanden keinen Zugang zu ihm. Warum seine Mutter diesen furchtbaren Verlust auch nach mehreren Jahren nicht verkraften kann, das schält Wytske Versteeg langsam frei. Ein ungeheuer packender Roman über Gefühlskälte.