Bucerius Kunst Forum zeigt schrecklich schöne Bilder

Jan Mandyn malte „Die Verspottung des Hiob“ beinahe heiter. Die Kapelle besteht aus Narren, und der gebeutelte Hiob bleibt weiter gläubig

Jan Mandyn malte „Die Verspottung des Hiob“ beinahe heiter. Die Kapelle besteht aus Narren, und der gebeutelte Hiob bleibt weiter gläubig

Foto: Hoogsteder & Hoogsteder, Den Haag

Das Bucerius Kunst Forum begibt sich auf die Spuren des Malers Hieronymus Bosch , dessen 500. Todestag sich jetzt jährt.

Hamburg.  Paradies, gut und schön. Aber ist es nicht vielmehr das Böse, sind es nicht die Höllenqualen, die den armen Sünder im Jenseits erwarten, die uns Menschen magisch anziehen und schon im tiefgläubigen Mittelalter vor Furcht erzittern ließen? Der niederländische Maler Hieronymus Bosch hat für solche Albträume so fürchterliche, so zugespitzte, auch satirische Bilder ausgebrütet, dass es schon wenige Jahre nach seinem Tod im Jahre 1516 mehrere Hundert Nachahmer gab, von denen jetzt rund 80 Kupferstiche und wenige Gemälde im Bucerius Kunst Forum zu sehen sind.

Mit dem Prado in Madrid mitzuhalten, jetzt, wo sich der 500. Todestag des Hieronymus Bosch jährt und dort eine große Bosch-Ausstellung läuft, wäre sowieso nicht möglich gewesen. Erstens weil Gemälde dieses Alters meist gar nicht mehr reisen dürfen und zweitens, weil von Bosch sowieso nur 45 gemalte Bilder erhalten sind. Also hat Michael Philipp, der scheidende Kurator des Bucerius Kunst Forums, gleich kleinere Brötchen gebacken, sich auf die Rezeptionsgeschichte konzen­triert und in diesem Rahmen auf grafische Werke, angereichert mit ein paar exemplarischen Gemälden.

Zwar waren seine von Höllenfurcht und Erlösungssehnsucht geprägten Bilderwelten schon um 1600 nicht mehr angesagt, weshalb die Ausstellung um diese Zeit auch endet. Bis dahin aber hatte Bosch es geschafft, zu einer künstlerischen Marke zu werden: Bereits in den 1530er-Jahren wurde er hundertfach kopiert. Sehr kenntnisreich und zugleich publikumsnah hat Michael Philipp hier noch einmal sein umfangreiches Wissen eingebracht. Ob die ollen Kamellen heute überhaupt noch aktuell seien, diese Frage kontert Philipp nonchalant mit hier gezeigten Sprichwort-Bildern wie „Der Kampf der Sparbüchsen mit den Geldkisten“, die er als „Inbegriff des entfesselten Kapitalismus“ versteht.

Es dürfte auch wenige Epochen gegeben haben, in denen die von Bosch thematisierten Spielarten menschlicher Lasterhaftigkeit – angefangen bei den sieben Todsünden bis hin zu Aberglaube, Hinterlist und Heuchelei – auf so offene Ohren oder besser gesagt Augen treffen wie heute, eine Zeit, in der fast alles toleriert wird.

Statt eines chronologischen Aufbaus ist die Ausstellung in einzelne Kapitel gegliedert. Aber Achtung: Wo „Hieronymus inventor“ als Signatur steht, da wird man „betrogen“, denn all diese Kupferstiche hat Bosch nicht gemacht. Schon deshalb nicht, weil diese Vervielfältigungstechnik bis zu seinem Tod noch nicht sehr verbreitet war. Sie verkauften sich mit dieser Signatur aber besser, denn das Publikum war versessen auf Bosch-Werke. Es gab sogar Musterbögen, aus denen sich die Kunst-Werkstätten jener Zeit bedienten, mit Bettler- und Krüppelmodellen à la Bosch zum Einfügen in eine vorproduzierte Landschaft. So kommt es, dass eine Darstellung des Heiligen Martin, der seinen Mantel aus Barmherzigkeit mit einem Bettler teilt, mit weiteren grölenden Bettlern, Behinderten und Krallfüßigen, auf Schüsseln umherkriechenden Tiermenschen garniert ist, die ikonografisch gar nicht dort hingehören. Je fürchterlicher die Gestalten, desto besser war das für den Absatz solcher Blätter.

Es gab sogar eine Phase, in der sich die Künstler darin übertrumpften, die wirklich allerschrecklichsten Dinge zu malen, was mehrere effektvolle Bilder zur Geschichte „Christus im Limbus“ gut veranschaulichen: Der Höllenrachen mit menschlichem Gesicht wird immer grässlicher, das Drumherum immer schauriger. Um das Spannungsfeld von Tugend und Laster kreist ein Großteil der Ausstellung, und hier lässt sich mühelos jede Schaulust befriedigen. Wo Philips Galle nach Pieter Brueghel Neid, Zorn, Völlerei darstellt, aber auch Glaube, Liebe und Hoffnung, da kann man sich auf seine Ellbogen stützen und in extra dafür gebauten Nischen ganz nah an die Bilder herangehen.

Trotz aller Schauerlichkeit: Hieronymus Bosch war einer der ersten Künstler, die den Alltag ins Bild holten, als Vorläufer der im Goldenen Zeitalter so aufblühenden Genremalerei. Antwerpen stieg im 16. Jahrhundert zur wichtigsten europäischen Handelsstadt auf, das Bürgertum suchte nach moralischer Erbauung durch humanistische Gedanken, die es sich verbildlicht an die Wand hängen wollte, allerdings ohne die bisherige Höllenfurcht, sondern in Abgrenzung von diesem großen Machtinstrumentarium der Kirche.

Zudem reisten immer mehr Künstler nach Italien, studierten dort Michelangelo, Tintoretto oder Raffael, welche sich wiederum auf die Ideale der Antike bezogen. Schleichend aber unaufhaltsam wurde das gottesfürchtige Menschenbild des Mittelalters abgelöst von dem der Renaissance und der Aufklärung, in der der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und eigene Entscheidungen trifft. Damit war die große Zeit von Hieronymus Bosch vorbei.

„Verkehrte Welt. Das Jahrhundert von Hieronymus Bosch“; 4.6.–11.9. Bucerius Kunst Forum (U Rathaus), Rathausmarkt 2, täglich 11–19.00 Uhr, Eintritt: 8,- und erm. 5,- Euro. Exklusiv für Abendblatt-Abonnenten hält Hauptpastor Alexander Röder am Di 7.6., 19.30 Uhr, einen Einführungsvortrag. Kosten inkl. Eintritt, Vortrag, Begrüßungsgetränk und Büfett: 40 Euro. Karten beim Hamburger Abendblatt, Großer Burstah 18–32 oder Tel. 30 30 98 98.