Konzertkritik

Kölschrock made in Hamburg: BAP macht das CCH zum Tanzsaal

Wolfgang Niedecken hat einen Hang zu Marathon-Konzerten (Archivbild)

Wolfgang Niedecken hat einen Hang zu Marathon-Konzerten (Archivbild)

Foto: imago stock&people / imago/VIADATA

BAP begeistert Fans im fast ausverkauften CCH mit einem dreistündigen phänomenalen Konzert. Hamburger Musiker unterstützen Niedecken.

Hamburg.  Dass es eine lange Zeitreise werden würde, war schon vor dem ersten Akkord klar. Wolfgang Niedecken ließ die Cover all seiner Alben auf die Wand hinter der Bühne projizieren – eine optische Reminiszenz an 40 Jahre musikalischen Schaffens. Im Sommer 1976, der Bundeskanzler hieß Helmut Schmidt, der Bundestrainer Helmut Schön, hatte er sich mit Freunden im Wiegehäuschen eines Kalksandstein-Werks in der Nähe von Köln regelmäßig getroffen, um Musik zu machen. Ein Jahr später hatte die Band auch einen Namen. BAP, benannt nach dem Spitznamen ihres Gründers („Dä Bapp“).

Vier Jahrzehnte später sind im fast ausverkauften CCH drei Dinge noch immer konstant. Das Logo, selbst entworfen vom Bandchef, ehedem Kunststudent, der Kölschrock – und natürlich Niedecken selbst. Von den anderen Gründungsmitgliedern ist schon seit Jahrzehnten niemand mehr dabei, selbst der Abschied seines langjährigen Mitstreiter Klaus „Major“ Heuser, Leadgitarrist und Komponist, der 1980 zur Band stieß, liegt schon 17 Jahre zurück. Heuser hatte sich Niedecken über die zukünftige musikalische Ausrichtung überworfen – er wollte BAP mit englischen Liedern massentauglich machen.

Niedecken von herausragenden Musikern umgeben

Wahrscheinlich weiß nur noch Niedecken selbst, mit wem er in den vergangenen 40 Jahren durch die halbe Welt tourte – BAP kölschte sogar China und Nicaragua. Angesichts der ständigen Wechsel ist es nur konsequent, dass die Band offiziell jetzt „Niedeckens BAP“ heißt. Die aktuelle Crew hatte im CCH ein halbes Heimspiel. Anne de Wolf (Streichinstrumente, Posaune) und ihr Mann Ulrich Rode (Gitarren und Mandoline) unterhalten in Hamburg ein eigenes Studio, touren auch mit Bosse, Schlagzeuger Sönke Reich kommt aus Eimsbüttel. Mit Jahrgang 1983 ist er übrigens der erste BAP-Musikant, der bei Gründung der Band noch nicht einmal geboren war.

Manche Traditionalisten hat Niedecken mit den Rochaden im Laufe der Jahre verspannt, entsprechend kontrovers wird auch das neue Studioalbum „Lebenslänglich“ in den Foren diskutiert. Wer am Sonntag das Konzert verfolgte, konnte indes nur zu dem Schluss kommen, dass die Blutauffrischung der Band gut getan hat, mehr noch, wahrscheinlich hat Niedecken noch nie so herausragende Musiker um sich geschart. Die Arrangements klingen ausgefeilter, der Sound variantenreicher.

2011 überlebte Niedecken knapp einen schweren Schlaganfall

Entspannt und altersweise moderiert der Niedecken den Abend. 65 Jahre ist er im März geworden, ganz knapp hat er 2011 einen schweren Schlaganfall überlebt. Der Refrain eines seiner neuen Lieder ist ihm so wichtig, dass er ihn auf die Bühnenwand projizieren lässt: „Ich been privilegiert, dä Herrjott meint et joot met mir.“

Geblieben ist zum Glück Niedeckens Hang zu Marathon-Konzerten. Nach zweieinhalb Stunden mit fast allen Hits aus vier Jahrzehnten schaltet BAP erst in den Zugabemodus. Längst machen die Fans das so schrecklich nüchterne CCH zum Tanzsaal, singen die Klassiker Strophe für Strophe mit. „Lebenslänglich“, der Titel des neuen Albums, ist womöglich doch kein so schlechtes Lebensmotto.