Hamburg

Wenn Kerle den Affen rauslassen

Das französische Stück „Das Abschiedsdinner“ feierte in der Komödie Winterhuder Fährhaus seine Premiere

Hamburg.  Unsere Nachbarn, die krisengeplagten Franzosen, können Komödien, heißt es. Ob im Film oder Theater. Matthieu Delaporte und Alexan­dre de la Patellière, beide Mitte 40, gelten seit der Uraufführung ihres Debütstücks „Der Vorname“ als zwei der angesagtesten Autoren der Grande Nation. Ihre Salon- und Gesellschaftskomödie, 2012 als deutschsprachige Erstaufführung im Schauspielhaus in Hamburg zu sehen und seit Herbst vergangenen Jahres im kleinen Theater Kontraste der Komödie Winterhuder Fährhaus ein Publikumsrenner, wurde zum internationaler Erfolg.

In der Hamburger Inszenierung von „Der Vorname“ steht der Gastgeber eines Abendessens, der Pariser Literaturprofessor Pierre, anfangs nur in ausgeleierter Unterhose und auf Socken da. In Delaportes und de la Patellières zweitem Streich „Das Abschiedsdinner“ (Deutsch von Georg Holzer) lassen die Autoren ihre beiden Protagonisten zwischenzeitlich wiederum fast nackt dastehen. Ein Bild mit Symbolcharakter. Es kommt hier sogar zum Unterhosentausch – frei nach der „Sockenmethode“. Lacher – vor allem von den Damen im Publikum – sind Ingolf Lück als Gast Anton und René Steinke als Gastgeber Peter damit sicher, wie die mit lang anhaltendem Beifall bedachte Premiere im Großen Saal des Winterhuder Fährhauses zeigte.

Sichtbar ist dieser zumindest akrobatische Akt – das Ganze findet hinter einem Sofa statt – zum Glück nicht. Und gänzlich gürtellinienlastig sind Szenerie und Typen des „Abschiedsdinners“ auch nicht. Meist überzeichnet und laut in der Regie Jürgen Wölffers schon. Der Routinier hat die französischen Rollennamen alle eingedeutscht.

Zum Speisen kommen Nervensäge Anton, Peter, ein Verleger, und seine Ehefrau Katja, genannt „Katta“ (Saskia Valencia), hier kaum. „Das Abschiedsdinner“ spielt in einem schräg installierten modernen Wohnzimmer (Bühne: Julia Hattstein). Gegessen wird im Laufe des turbulenten Abends außer Erdnüssen nichts, getrunken jedoch ordentlich. Im Mittelpunkt steht das Thema Freundschaft und wie man vermeintlich lästig gewordene Freunde in unseren Zeiten des Optimierungswahns möglichst geräuschlos abservieren kann, ohne dass die es merken.

Mit der neuartigen „Abschiedsdinner“-Methode wollen Peter und Katja genau das an Anton testen. „Ich will noch überrascht werden von meinen Freunden. Wenn man von einem Baum nicht mehr überrascht wird, muss man eben ein paar Äste wegschneiden“, zieht Verleger Peter einen sarkastischen Vergleich. Zwar kommt der esoterisch stark angehauchte Freund Anton anders als geplant ohne seine Frau Bea, die lieber sechs Stunden am Abend Theater spielt. Doch indem Peter Antons altes Geschenk, ein afrikanisches Gewand, aufträgt, dessen ach so geliebte Sitar-Musik des „Jimi Hendrix von Bhutan“ auflegt und Antons Lieblingsrotwein einschenkt, soll dem seit 30 Jahren in Therapie befindlichen Egozentriker und Dauer-Doktorand der Abschied versüßt werden. Dumm nur, dass der auch von der „Abschiedsdinner“-Methode gehört hat, alsbald Verdacht schöpft und dabei auch noch um seinen toten Analytiker ungarischer Herkunft trauert. Dabei verstummt sogar seine hysterische Lache.

Schauspiel- und Entertainment-Profi Ingolf Lück (Sat.1-„Wochenshow“), in der Komödie Winterhude nach 2009 mit dem von ihm selbst inszenierten Kultkrimi „Die 39 Stufen“ zum zweiten Mal zu erleben, gibt die Plaudertasche Anton mit verblüffend hoher Stimmlage. Seine Lache nervt mit der Zeit nicht nur die Gastgeber auf der Bühne und nutzt sich ab. Jedoch gewinnt Lück in seiner Rolle dann, wenn er indigniert mal nichts sagt und nur seine Mimik sprechen lässt oder theatralisch auf die Knie fällt, um seinen Therapeuten zu beweinen.

Während sich Peters Frau „Katta“ vor allem fragt „Was ist, wenn er wieder anruft?“, übermannen ihren Gatten dann doch Gewissensbisse und alte Freundschaftsgefühle, als Anton noch mal an der Tür klingelt. Peter lässt sich auf einen Rollentausch mitsamt Klamottenwechsel ein. Die beiden Freunde spielen ihr abendliches Treffen als eine Art Therapiestunde noch mal nach – so gewinnt der zweite Teil komödiantisch an Rasanz. Und René Steinke, einst als Actionheld in der RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“ populär geworden, erntet Lacher und Szenenbeifall. Wie er als Anton in zu langen Hosen und zu großem Jackett versucht, seinen Freund zu kopieren, ist eine komische Nummer für sich. Sie lässt in der Folge auch Lück noch mal glänzen und das Verständnis füreinander wachsen – auch wenn sich die Kerle dabei brüllend zum Affen machen.

Was zwischen den beiden Freunden die Frau bewirken kann? Nun, Saskia Valencia („Rote Rosen“) darf im Kleid nicht nur ihre hübschen schlanken Beine zeigen; ihre Komik entwickelt sich dank lakonischer Einwürfe. Und am Ende zeigt sich, dass die moderne Frau auch bei diesem etwas konstruiert wirkenden „Abschiedsdinner“ die Hosen anhat. Auch wenn es französische Autoren, Delaporte und de la Patellière inbegriffen, schon mal etwas feiner be- und geschrieben haben.

„Das Abschiedsdinner“ bis 17.7., tägl. außer Mo, Komödie Winterhuder Fährhaus , Karten: HA-Ticket-Hotline T. 30 30 98 98 und T. 48 06 80 80