Kultur

Das Recht auf ein gesundes Kind

Das sehenswerte Drama „Ellas Entscheidung“, das heute im ZDF zu sehen ist, befasst sich mit dem heiklen Thema Präimplantationsdiagnostik

Für viele steht am Anfang der Familiengründung die Frage nach dem passenden Kinderwagenmodell. Für Ella beginnt der Wunsch nach einem Kind mit Arztbesuchen. Sie schreibt keine Listen mit Wunschnamen, sie kauft keine geringelten Strampler und lässt sich auch nicht auf die Warteliste der Spitzenreiter-Kita im Viertel setzen.

Ella hat andere Sorgen. Sie ist Gen-trägerin der unheilbaren Erbkrankheit Duchenne. Sie und ihr Mann haben die Wahl zwischen einer „Schwangerschaft auf Probe“, die im Übertragungsfall der schweren Krankheit mit einer Abtreibung beendet werden kann, und einem Krankheitsausschlussverfahren, das den werdenden Eltern diese Tortur erspart: der Präimplantationsdiagnostik (PID). In diesem Fall werden nur die Embryonen verwendet, die keine Träger kranker Gene sind.

„Wir reden hier über ein Kind, nicht über eine Entlüftungsanlage“, entfährt es Ella, als ihr Mann nach einem Arztbesuch allzu pragmatisch eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt und das Für und Wider mit Blick aufs gemeinsame Konto abwägt.

„Ellas Entscheidung“ ist ein Film mit einer mächtigen Geschichte. Er setzt nicht auf Moorleichen, verschwundene Mädchen oder Serientäter auf Bewährung, wie es das ZDF üblicherweise am Montagabend tut. Der Film von Regisseurin Brigitte Maria Bertele (Drehbuch: Kristin Derfler) ist ein klassisches Fernsehdrama mit ernstem Tonfall. „Themenfilm“ werden Vertreter dieser Art oft etwas abfällig genannt (sollte ein Film also besser kein Thema haben, dafür aber möglichst viele Leichen?).

Gut, es sind durchaus (zu) viele Fakten, mit denen die Zuschauer über die PID mitsamt der vielfältigen moralisch-ethischen Implikationen konfrontiert werden. Da muss ein Kollege von Lehrerin Ella (Typ oberschlauer Wollpulliträger mit starken Stammtischmeinungen) halt auch mal einen minutenlangen Vortrag über die Würde des Menschen halten, was dem Film an dieser Stelle nicht nur aufgrund des Settings einen sehr lehrerzimmerhaften Ton verleiht. Kurz wähnt sich das Publikum in einem verfilmten Schulreferat, mittlerer Teil: Pro-und-Kontra-Diskussion des Sujets.

Andererseits: Nicht jeder öffentlich-rechtliche Spielfilm hat das Privileg, nach dem Abspann eine Dokumentation spendiert zu bekommen, die Fakten checkt und über den neuesten Stand der Wissenschaft referiert.

Sehr viel anschaulicher als die PID-Problematik gelingt die Sichtbarmachung der Krankheit Duchenne. Ellas Neffe, der zwölfjährige Lennart, ist an den Rollstuhl gefesselt. Bei einer Operation muss seine Wirbelsäule mit zwei Titanstangen verstärkt werden, weil sie allein nicht genug Kraft hat. Die Szenen, die sich zwischen Lennart und seiner Familie abspielen, sind von rührender Glaubwürdigkeit. Mit großer Zärtlichkeit erzählen sie vom Kampf gegen das Unausweichliche. Nicht sentimental, sondern schmerzlich.

Regisseurin Bertele kann sich für ihren Film auf hervorragende Schauspieler verlassen. Allen voran überzeugen Petra Schmidt-Schaller und Anna Schudt als ungleiches (aber auch unzertrennliches) Schwesternpaar. Beide Frauen konnte man zuletzt häufiger im „Tatort“ sehen – Schmidt-Schaller als (ausgemusterte) Assistentin von Wotan Wilke Möhring, Schudt als Teammitglied im Dortmunder Kommissariat –, dieser Film nun ist schauspielerisch eine ganz andere Nummer.

Hier dürfen sie emotional groß aufspielen, ohne dass es aufgesetzt wirken würde. Schudt als ältere Schwester Johanna gibt den Part der zupackenden, bodenständigen Schwester. Sie jammert nicht, sie tut, was getan werden muss. Verzweifelt ist sie nur, wenn keiner zusieht. Ella ist grüblerischer, verträumter, mehr in Watte gepackt. Die Großaufnahmen ihres Gesichts verraten, dass sie gefangen ist in einem Dilemma, aus dem kein ethischer Rat heraushelfen kann. „Ellas Entscheidung“ mag auch ein Film über Recht und Unrecht sein – zuallererst ist es ein Film darüber, was die Liebe zu einem Kind bedeutet. Es ist ein Familienfilm, ein Schwesterndrama, ein Erklärungsversuch übers Muttersein. Nach dem viel diskutierten Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „24 Wochen“ und dem Sat.1-Film „Eine Handvoll Leben“ ist dies in kurzer Zeit ein weiterer Film, der sich Gedanken macht über das Elternwerden in Zeiten der modernen Medizin.

Die erste Szene von „Ellas Entscheidung“ zeigt die Hauptdarstellerin mit ihrem Mann (Christian Erdmann) beim Bergsteigen; sie hat die Augen verbunden, er führt sie. Ganz ähnlich, will dieser Film sagen, ist es mit dem Kinderkriegen. Man verliert den sicheren Boden unter den Füßen. Man weiß nicht, welcher Stein Halt bietet und welcher nicht. Ab einem gewissen Zeitpunkt kann man nicht mehr kontrollieren, sondern muss vertrauen.

„Hast du Angst vor dem, was kommt?“, fragt Ella ihren Mann zu einem späteren Zeitpunkt. Die Antwort bleibt aus. „Ellas Entscheidung“ erzählt keine hoffnungslose Geschichte, aber auch keine schöngefärbte. Der Film zeigt, dass man nichts im Leben für selbstverständlich nehmen darf, weder Glück noch Liebe und schon gar nicht Gesundheit. Die Hoffnung aufgeben ist trotzdem keine Option.

„Ellas Entscheidung“ heute, 20.15 Uhr, ZDF