Hamburg

Kann man von Jazz leben?

Eine Studie zeigt, wie angespannt die Finanzlage vieler Musiker ist. Bei Schlagzeuger Benny Greb, der heute einen Echo bekommt, läuft es hingegen gut

Hamburg.  Roter Teppich, Blitzlichtgewitter, Dankesreden: Wenn am heutigen Donnerstag auf Kampnagel die Echo Jazz Gala 2016 gefeiert wird, dann ist das eine Feier der Sieger. Eine Feier derer, die es geschafft haben, sich aus der Masse abzuheben, die gut im Geschäft sind und von ihrer Liebe zum Jazz leben können. Die Feier einer Minderheit, wenn man die Ergebnisse der unlängst veröffentlichten Jazzstudie 2016 betrachtet.

„Jazz ist ein unentbehrlicher Bestandteil unserer bunten Musiklandschaft“, schreibt Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Vorwort, doch die Miete zahlt eine solch verbale Wertschätzung nicht. Und gerade das Geld ist für deutsche Jazzmusiker ein großes Thema. Etwa 2000 von ihnen nahmen an der aktuellen Jazzstudie teil, die Ergebnisse sind eindrücklich: 69 Prozent der Teilnehmer kommen durch ihre musikalische Tätigkeit auf ein Jahreseinkommen von maximal 12.500 Euro, nicht musikalische Nebentätigkeiten eingerechnet sind es immer noch 50 Prozent, die kaum mehr als 1000 Euro im Monat zur Verfügung haben. Bei einem Teil von ihnen sei, so die Warnung der auswertenden Wissenschaftler, „eine besonders drastische Form von Altersarmut“ zu erwarten. Um dem entgegenzuwirken, müssten unter anderem Livemusik-Spielstätten weiter (und besser) gefördert werden. Das Ziel: angemessene Gagen für Jazzer ermöglichen, die häufig nach Auftritten mit gerade mal 50 Euro nach Hause gehen.

Der Hamburger Schlagzeuger Benny Greb, der heute mit einem Echo Jazz ausgezeichnet wird, kennt diese aktuelle Studie nicht einmal, und das verwundert kaum, denn prekär sind seine Lebens- und Arbeitsverhältnisse nicht. Auch wenn sein Name außerhalb der Drummer-Szene nur wenigen geläufig ist, hat er seinen eigenen, künstlerisch wie kommerziell erfolgreichen Weg gefunden.

Einerseits mit seinem Trio Moving Parts, das eine Art avancierten Jazzrock spielt und im September wieder auf Tour geht, andererseits als Schlagzeug-Lehrer, der für Workshops um die Welt reist und Lehr-DVDs veröffentlicht, die sich bis zu 30.000-mal verkaufen. Für seine neue DVD „The Art and Science of Groove“ brachte er per Crowdfunding 115.000 Euro zusammen, etwa 10.000 Exemplare sind schon abgesetzt. Es gibt Snare Drums, Becken und Drum Sticks, die seinen Namen tragen, „nebenbei“ hat er unter anderem für Thomas D., Stoppok und Mark Forster getrommelt. Keine Frage: Greb hat es geschafft, und zwar mit einem Sound, der ein ordentliches Stück vom Mainstream entfernt liegt.

„Wir leben gerade zur besten Zeit, die es jemals für Musik gab“, sagt der 35-Jährige, der mit seinem Sohn in Lurup lebt. Was er damit meint: Dank Internet sind die Verbreitungsmöglichkeiten so vielfältig wie nie. Und er nutzt sie, unterhält einen umfangreichen Online-Shop, ist in Social-Media-Netzwerken sehr aktiv, macht so viel wie möglich selbst. Um die Kosten zu senken ohne Plattenfirma, Vertrieb oder Promo-Agentur. Selbst Stars wie der amerikanische Trompeter Dave Douglas, der seine CDs selbst vertreibt und Live-Mitschnitte als Download anbietet, arbeiten inzwischen so.

„Das ist nichts für Leute, die gern früh schlafen gehen“, sagt Benny Greb mit einem Lächeln und fügt hinzu, als Musiker müsse man seine Nische finden und unbedingt auf Individualität setzen. Wer klinge wie viele andere, könne eben nicht damit rechnen, dass sich das Publikum für ihn interessiert. Wichtig sei, sich immer wieder zu hinterfragen, künstlerisch und in puncto Selbstvermarktung. „Die Hörer sind mir nichts schuldig“, findet Greb, „Ich muss sie für mich interessieren.“ Ein wenig unwohl ist ihm bei diesen Sätzen schon, kennt er doch viele Kollegen, die zwar gute Musiker sind, aber dennoch nicht seinen Erfolg haben. Sie will er nicht vor den Kopf stoßen, doch gleichzeitig gilt ihm eben auch: Wer sich voll einsetzt, der kann es schaffen, von seiner Musik zu leben. Ganz gut sogar. Dazu sei es allerdings notwendig, Durststrecken zu überstehen, etwa die ersten Karrierejahre, die Greb mit einem Firmenpraktikum vergleicht. „Da bekommt man kein Geld und muss Kaffee kochen, aber wenn man will, lernt man auch viel, kann sich zeigen und bekommt am Ende einen Job.“

Sein eigener Job hat Benny Greb gerade nach Kanada geführt, wo er seine Spielkunst auf einem Festival zeigte, im nächsten Monat geht es nach Singapur, und zwischendurch ist da jetzt eben noch die Echo-Jazz-Verleihung. „Ich bin mal gespannt, ob und wie sich diese Auszeichnung für mich auswirkt“, sagt er. Immerhin habe er nun die Möglichkeit, seine Musik einem viel breiteren Publikum vorzustellen als gewöhnlich.

Fast noch wichtiger ist ihm aber ein anderer Effekt, und zwar ein ganz privater: „Meine Eltern freuen sich wahnsinnig darüber, dass ich einen Echo bekomme“, sagt er, in diesem Moment ganz der stolze Sohn. Auch ein Lohn der Mühe. Keiner, der die Miete zahlt. Aber einer, der unbezahlbar ist.