Hamburger Musikfest

Johannes Brahms: ein Typ wie aus der Astra-Werbung

Johannes Brahms, hier in einer typischen Pose am Klavier, nannte sich einmal selbst „Abseiter“

Johannes Brahms, hier in einer typischen Pose am Klavier, nannte sich einmal selbst „Abseiter“

Foto: De Agostini Picture Library / Getty Images/DeAgostini

Das Musikfest endet am Sonntag mit den vier Sinfonien an einem Tag, als klassische und x-te Liebeserklärung an diesen Komponisten.

Alternativen gäbe es genug. Man könnte bei jedem Matthiae-Mahl im Rathaus den Ehrengästen zum Zwischengang die Tafelmusik präsentieren, die Telemann anno 1724 als Sättigungsbeilage komponiert hat.

Die Staatsoper könnte etliche Spielzeit-Runden damit bereichern, eines der Barock-Stücke aufzuführen, die während der Blütezeit der Gänsemarkt-Oper dort das Publikum begeisterten. Nach wie vor nur ein Traum: Felix Mendelssohns „Sommernachtstraum“ als Freiluft-Event an der Außenalster, als Erinnerung daran, in welcher Stadt er 1809 geboren wurde.

Brahms: Gerne gehört, in Endlosschleife angeboten

Dazu kämen der Opernorchester-Schinder Mahler, das Originalgenie C.P.E. Bach – im Michel begraben – oder der spätere Brecht-Kamerad Paul Dessau – wie Mendelssohn in der Nähe des Michel geboren – als weitere Lokalgrößen zum Wiederentdecken, Anhimmeln und Verhalbgöttern.

Und mit der Aufführung der rund 3600 Werke Telemanns (doppelt so viele, wie Bach und Händel zusammen schrieben) hätte man die Bau-Krisen-Phasen der Elbphilharmonie spielend überbrücken können. Die meisten davon unterhalb seiner 20 Hamburger Opern benötigen nicht allzu viele Musiker; das wäre als mehrjähriger Dauerauftrag an Hamburger Orchester doch bestimmt noch drin gewesen, bei dem Gesamtfestpreis.

Aber: von wegen. Der Einzige, dessen Werke in Hamburg zuverlässig gern gehört und dem Publikum alle Spielzeiten wieder in Endlosschleife angeboten werden, ist und bleibt Johannes Brahms.

1833 im Gängeviertel geboren, jener unfeinen Gegend, die dem Stadtgedächtnis lange entfallen war, bis sich dort vor einigen Jahren endlich ein Happy End einstellte. Jener Komponist also, dessen Lebenslauf, von frühen Biografen und auch von sich selbst virtuos ins romantisch-entbehrungsreiche Licht zurechtgerückt, so gut zur Hamburger Mentalität passt, als hätte man ihn eigens dafür entworfen.

Erste Erfolge, erste Flops

Dass Brahms bei der Vergabe von Musik-Ämtern wie der Chordirektion der Sing-Akademie in Hamburg nicht zum Zug gelassen wurde, weil die personalpolitischen Weichen grundsätzlich anders gestellt wurden, betrübte ihn kurzfristig sehr und schmerzte chronisch. Es hatte aber auch sein Gutes. Denn so musste und konnte er jenseits der Hansestadt als Freischaffender an Profil zulegen, ohne sich durch Alltagskleinkram ausbremsen zu lassen.

Der barsche Brahms kam aus einfachen Verhältnissen, angeblich, denn so schlimm war es gar nicht; wacker hochgearbeitet, fleißig geworden, aber, ganz wichtig: bescheiden geblieben. Danach aus dem Tor zur Welt hinaus in die weitere Welt.

Erste Erfolge, erste Flops; harte Schule, aber nützt ja nix, da muss man durch. „Frei, aber einsam.“ Bisschen grantig, bisschen bissig. Harte Schale, goldenes Herz. „Falls es hier jemanden gibt, den ich noch nicht beleidigt habe, den bitte ich um Entschuldigung.“ Ein Typ wie aus der Astra-Werbung, der Hipster-Vollbart der späten Jahre rundet den Coolness-Faktor weiter nach oben auf.

Des Hamburgers liebste Brahms-Stücke

Das mit diesem Johannes, das geht tief, ganz tief ins Hamburger Herz, das sich bekanntlich sehr gern beim Schlagen zuhört und nicht viel mehr benötigt zum Wohlsein. Das mit diesem Johannes, das geht nicht mehr weg, obwohl die Hingabe längst nicht dem gesamten Brahms-Werkkatalog gilt.

Denn die Publikumslieblinge lassen sich flott an den Fingern einer Hand abzählen: die vier Sinfonien, das eine „Deutsche Requiem“. Mehr braucht der klassische Hanseat im Grunde genommen nicht zum stillen Glücklichsein nach innen beim Bebrahmstwerden, dieser sehr lokaltypischen Mischung aus gediegener Selbstverortung und spätromantisch verwölktem Elbstrand-bei-Sonnenuntergang-Blues.

Sie wird bei näherer Betrachtung noch eigenwilliger, da ja keines dieser Spätwerke in Hamburg entstand. Schlimmer, viel schlimmer noch: die Uraufführung der sechssätzigen Requiem-Fassung passierte 1868 im Bremer Dom.

„Nur hier zu Haus gibt’s dieses wunderschöne Grau“

Wie zur Entgiftung dieser Tatsache wurden schon früh Brahms-Festspiele in seiner Geburtsstadt veranstaltet, die der spätere Wahl-Wiener trotz allem hin und her lebenslang liebte. Er war stets, trotz oder auch wegen seiner gefühlstiefen Vielschichtigkeit, der größtmögliche gemeinsame Nenner. Auf ihn konnte man sich problemlos einigen, wenn es feierlich und wohlfeil werden sollte auf dem weiten, brachen Feld der hiesigen Traditionspflege.

Brahms gehört mit seiner Musik, bei der auch reines Dur nach Moll klingt, zum Selbstverständnis der Musikstadt Hamburg wie der Fisch zum Brötchen und der Nepp zur Reeperbahn-Kaschemme. Und als Ehrenbürger der Stadt – eine Würdigung, die ihn rührte wie keine andere – ist er ohnehin auf immer und ewig über jeden Zweifel erhaben.

„Nur hier zu Haus gibt’s dieses wunderschöne Grau, so reich und bedeutungsvoll wie ein langer tiefer Traum.“ Könnte mit seiner leicht melancholischen lokalmeteorologischen Färbung glatt der Text eines Chorsatzes sein, den er für jenen Hamburger Frauenchor schrieb, dessen Leiter der junge Komponist aus dem Gängeviertel war. Ist zwar aus einem Song von Stefan Gwildis aus Barmbek, Brahms’ Soulbruder im Geiste. Passt aber trotzdem.

Die "Brahms-Soiree" und "Vier ab vier"

Das Brahms-Wochenende, mit dem das reguläre Programm des Musikfests endet, beginnt am Sonnabend mit einer mehrstündigen „Brahms-Soirée“ in der Laeiszhalle. Von 18 bis ca. 22 Uhr stehen dort Chor- und Kammermusikwerke an, darunter die „Fest- und Gedenksprüche“, das Stück, mit dem Brahms sich für die Ehrenbürgerwürde bedankte. Solisten sind Carolin Widmann (Violine), der Cellist Nicolas Altstaedt und der Pianist Alexander Lonquich. Am Sonntag, 16 Uhr, folgen die Erste und die Zweite, um 19 Uhr endet der Marathon mit der Dritten und Vierten Sinfonie, gespielt vom NDR Elbphilharmonie Orchester. Musikalische Leitung: Chefdirigent Thomas Hengelbrock. Karten (13,- bis 68,-) unter T. 44192192. Infos: www.musikfest-hamburg.de