Kultur

Schutzwall aus Sekt muss her

Das Fernsehprogramm, Quell steter Freude und erhellender Momente: Allein in dieser Woche konnten Zuschauerinnen und Zuschauer lernen, wie es der Islam mit den Frauen („Maischberger“), die deutsche Politik mit Populisten („Maybrit Illner“) und RTL mit Schwiegertöchtern („Neo Magazin Royale“) hält. Toll. Wäre nicht so schönes Wetter gewesen, vielleicht hätte ich sogar irgendwas davon tatsächlich geguckt.

Aber mal ganz ehrlich: Wer setzt sich denn an lauen, frühsommerlichen Abenden freiwillig vor den Fernseher? Insofern dürfte es die ARD freuen, dass pünktlich zum ESC-Finale am Sonnabend das Wetter wieder schlechter wird. Die angesagten Wolken und niedrigeren Temperaturen präsentieren sich für mich hingegen als Dilemma: Meine beste Ausrede, das Eurovisions-Geträller mit Helmut Schmidtscher Konsequenz – hab keine Visionen, will keine Visionen, muss nicht zum Arzt, will lieber eine rauchen – zu ignorieren, ist dahin. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich weder im Grünen noch am Strand herumliege.

Die radikale Lösung: Fenster auf – Fernseher raus – Fenster zu

Und die Konkurrenz in der Glotze ist auch eher mau. Bliebe mir, in der physischen oder digitalen Videothek herumzustöbern, um dem Sängerwettstreit zu entgehen: „Blues Brothers“, „Walk the Line“, „Amadeus“, „Rocky Horror Picture Show“ oder doch „Sound of Noise“? Ich kann mich nicht entscheiden. Mist. Und nun?

Im schlimmsten Fall gibt es noch die radikale Lösung: Fenster auf – TV raus – Fenster zu. Aber was wird dann aus dieser Kolumne?

Ich sehe schon, es wird mir nicht viel anderes übrig bleiben als einen Schutzwall aus Sekt (Bier passt nicht zum Eurovision Song Contest) und Knabberkram zwischen mir und dem Fernseher aufzutürmen und zu hoffen, dass mich Morpheus – oder Dionysos – spätestens vor dem Auftritt des polnischen Schmusebarden Michal Szpak in seine Arme schließt. Noch einmal halte ich seine bonbonsüße „Color of Your Life“ nicht nüchtern aus.