BallinStadt

Alles ganz neu in Hamburgs Auswanderermuseum

Kuratorin Elmira Mitschailow vor einer Installation mit Segelschiff in der neu eröffneten BallinStadt auf der Veddel

Kuratorin Elmira Mitschailow vor einer Installation mit Segelschiff in der neu eröffneten BallinStadt auf der Veddel

Foto: Markus Scholz / dpa

Jährlich kommen rund 100.000 Besucher in das Museum auf der Veddel. Was sich alles verändert, modernisiert und vergrößert hat.

Hamburg.  „Es ist ein kompletter Umbau und eine große Erweiterung, nicht nur in räumlicher, sondern vor allem auch in thematischer Hinsicht“, sagt Volker Reimers, der Geschäftsführer der BallinStadt, die nach mehrmonatiger Schließung von diesem Sonnabend an wieder fürs Publikum geöffnet ist.

Schon am Freitag hatten Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, die Bundesbeauftragte für Mi­gration, Flüchtlinge und Integration Aydan Özoğuz und weitere Ehrengäste die um rund 500 Quadratmeter vergrößerte Ausstellung des Hamburger Auswanderermuseums sehen können.

Als die BallinStadt im Sommer 2007 auf dem historischen Gelände der Auswandererhallen der Hapag eröffnet wurde, stand die europäische Emigration im Zeitraum von 1850 bis 1934 im Mittelpunkt. In den drei auf den historischen Grundrissen rekonstruierten Gebäuden ging es um die Auswanderungsgründe, um die Rahmenbedingungen der Überfahrt und um das, was die Menschen in der Neuen Welt erwartete. Wesentliche Datengrundlage dafür waren die erhalten gebliebenen Passagierlisten, die die Auswanderung über den Hamburger Hafen bis 1937 vollständig dokumentieren und die digital zugänglich gemacht wurden. In Kooperation mit ancestry.de bot die BallinStadt all jenen Besuchern Beratung an, die auf dieser Grundlage das Schicksal von ausgewanderten Vorfahren und Familienangehörigen erforschen wollten.

Am Anfang hatte es gegenüber dem Hamburger „Erlebnismuseum“ eine gewisse Skepsis gegeben, nicht zuletzt auch im Vergleich zum kurz zuvor mit ungleich größerem finanziellen Aufwand in Bremerhaven eröffneten Deutschen Auswandererhaus. Zwei Jahre nach Eröffnung gab es gar Befürchtungen, dass es aufgrund zu geringer Besucherzahlen zur Insolvenz kommen würde. An den Gesamtkosten im Höhe von 9,5 Millionen Euro hatte sich die Stadt zu zwei Dritteln beteiligt, aber eine Bezuschussung des laufenden Betriebs von vornherein ausgeschlossen. So steht es in einem Vertrag mit zehnjähriger Laufzeit zwischen der Stadt und der privaten Betreibergesellschaft. Diese bestätigte 2009 zwar, dass die ursprünglich prognostizierten 150.000 Besucher pro Jahr nicht erreicht werden könnten, dass der Betrieb aber trotzdem nicht gefährdet sei.

Schließungsszenarien, über die zeitweise sogar in der Bürgerschaft debattiert wurde, sind längst kein Thema mehr. „Wir sind in Hamburg gut verankert und überregional bekannt. Inzwischen haben wir pro Jahr konstant etwa 100.000 Besucher. Das ist ein Ergebnis, mit dem wir gut leben können“, sagt Reimers. Etwa 23 Prozent der Besucher kommen aus Hamburg, der allergrößte Teil aus dem Bundesgebiet und nur etwa vier Prozent aus dem Ausland. Der Anteil der US-Amerikaner beträgt rund zwei Prozent. Wie Reimers dem Abendblatt bestätigt, wurde der Betreiber-Vertrag, der 2017 ausgelaufen wäre, erst kürzlich um weitere zehn Jahre verlängert.

Dass nach neun Jahren mit insgesamt circa 900.000 Besuchern ein gründlicher Relaunch notwendig war, hatte mehrere Gründe. Einerseits wirkte die Ausstellungsgestaltung und -technik inzwischen teilweise überholt, andererseits wollten die Betreiber das Thema auch deutlich weiter fassen als bisher. „Während wir früher stark vom Ort, also der Auswandererstadt, ausgegangen sind, haben wir den Blick sowohl zeitlich als auch geografisch deutlich erweitert. Man könnte sagen, dass wir globaler geworden sind“, sagt Volker Reimers über die auf drei Pavillons verteilte Ausstellung, die jetzt eine Fläche von insgesamt 2500 Quadratmetern einnimmt.

Eine Zufluchtsstätte für Auswanderer

Der Bezug zum historischen Ort ist allerdings auch weiterhin zu finden und zwar künftig im Haus 1, wo es um den Hapag-Generaldirektor Albert Ballin (1857–1918) geht und das von ihm 1901 auf der Veddel realisierte Projekt einer Zufluchtsstätte für Auswanderer, die dort ihre Formalitäten für die Überfahrt in die Neue Welt in geordneten Bahnen erledigen konnten. In dem in der Mitte des Ensembles gelegenen Haus 2 wird das Thema Emigration gegenüber der alten Ausstellung zeitlich erweitert und in vier Epochen unterteilt: Es beginnt im 16. Jahrhundert mit der Eroberung und Kolonisierung Amerikas. Dann folgt das „lange 19. Jahrhundert“, das von der Französischen Revolution bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs reicht und zu einem enormen Anwachsen der europäischen Auswanderung nach Amerika führte.

Dafür waren sowohl ökonomische als auch religiöse und politische Gründe ausschlaggebend. Die dritte Epoche umfasst die beiden Weltkriege, durch die die große europäische Überseewanderung zeitweise gestoppt wurde. Zugleich bestimmten aber Flucht, Vertreibung und Massenausweisung das Schicksal von Millionen Menschen. Und schließlich folgt die vierte Epoche, die Zeit von 1945 bis heute als eine Zeit des Wandels mit enormen Wanderungsbewegungen in vielen Teilen der Welt.

Interessant an dem Konzept, das stark auf audiovisuelle Medien setzt, aber immer wieder auch Objekte einsetzt, die manchmal als historische Anschauungsstücke, manchmal aber auch als Symbole dienen, ist die Parallelität der Themenstränge. Dank eines Farbleitsystems kann der Besucher die Beiträge zu den vier Epochen klar erkennen und selbst Vergleiche ziehen.

Briefe, Fotos und Andenken an Menschen

Wer neben so viel inhaltlicher Information auch persönlichen Schicksalen begegnen will, findet diese im Haus 3. Unter dem Stichwort „Lebenslinien“ werden dort Briefe, Fotos, Andenken und Erinnerungsstücke von Menschen gezeigt, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten und aus sehr unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen und in einem fremden Land einen Neuanfang gewagt haben.

„Ganz viele Dinge wiederholen sich oder sind zumindest vergleichbar“, sagt die Kulturhistorikerin Elmira Mitschailow, die an dem neuen Ausstellungskonzept mitgearbeitet hat. Dann fügt die in Kasachstan geborene Wissenschaftlerin noch hinzu: „Wir wollen den Besuchern vor Augen führen, dass Emigration ein typisch menschlicher Vorgang ist und auch nicht unbedingt grenzüberschreitend, sondern viel öfter innerhalb von Grenzen stattfindet.“

BallinStadt Auswanderermuseum Hamburg, Veddeler Bogen 2, tgl. 10.00–18.00. Am Eröffnungswochenende (14.–16.5.) gibt es ein buntes Programm mit Luftballon-Aktion, Glücksrad-Drehen und einer Fotowand. Infos unter www.ballinstadt.de