Hamburger Kultfilm

Wie Regisseur und Zuschauer den "Giganten"-Tag erlebten

Regisseur Sebastian Schipper (r.) und Schauspieler Guido A. Schick im Lichtmess beim Kicker-Turnier

Foto: Andreas Laible / HA

Regisseur Sebastian Schipper (r.) und Schauspieler Guido A. Schick im Lichtmess beim Kicker-Turnier

2500 Fans sahen in 14 Kinos die Hamburg-Hommage "Absolute Giganten". Dabei wurde auch des verstorbenen Hauptdarstellers gedacht.

Hamburg.  Genau so muss sich Nachhausekommen anfühlen. Draußen spielt die Stadt Winter, drinnen ist das Kino am späten Vormittag bis auf den letzten Platz gefüllt, der Beifall rauscht durch die Sitzreihen, während der Abspann über die Leinwand rollt. Wahnsinn, murmelt Sebastian Schipper, während er sich zu den Klängen von Egoexpress zur Bühne des Zeise-Kinos durchkämpft. "Ich wollte mich eigentlich heimlich hinten ins Kino setzen. Aber ging nicht – war alles voll", sagt er und grinst ein schiefes Grinsen, bei dem ihm fast der Kaugummi aus dem Mund rutscht. Er wirkt wie ein Kind, das man auf die eigene Überraschungsparty gezerrt hat. Ungläubig staunend und aufgekratzt-glücklich.

Spezielle Begegnung zwischen Publikum und Filmteam

Man kann ohne Übertreibung behaupten: Es ist die wohl größte Kino-Sause, die Hamburg je erlebt hat. Eine Stadt sieht einen Film. "Absolute Giganten" heißt das Werk, das auch 17 Jahre nach der Kinopremiere nichts von seinem Zauber verloren hat. Das Schöne: In jedem der insgesamt 14 Programmkinos, die sich am "Giganten"-Marathon beteiligen, spielt sich etwas vollkommen Eigenständiges ab. Eine sehr spezielle Begegnung zwischen Publikum und Filmteam. Gleichzeitig mischen sich in jeder Vorstellung Fans, die jede Dialogzeile mitsprechen können, mit solchen Zuschauern, die Schippers großen Freundschaftsfilm zwischen Hafen und Hochhaussiedlung zum allerersten Mal auf der Leinwand sehen. "Ich bin Erstseher" – mit diesen Worten stellen sich Gäste regelmäßig vor. Übertroffen natürlich von der Behauptung: "Ich sehe den Film jetzt zum fünften Mal ..."

Nach dem Start in Ottensen hat sich Sebastian Schipper warmgelaufen. Es ist klar, dass dies hier ein Heimspiel wird. Keine Gegner, keine Kritiker. "Ich fühle mich so eingeladen, so sehr zu Gast", sagt er. Auf der Autofahrt Richtung Innenstadt plaudert er mit dem Schauspieler Guido A. Schick – unsterblich geworden in seiner Rolle als Kicker-Depp "Dulle" – über seine Darstellerhelden Michael Fassbender und Edgar Selge ("der King") und den tieferen Sinn des Filmemachens ("Das ist nicht wie zur Schule gehen. Es geht nicht darum, eine Eins zu bekommen. Sondern darum, seinen tiefsten Sehnsüchten nachzugeben.").

An jeder Ecke warten Überraschungsgäste

Kurz bevor das Taxi vor dem Savoy zum Stehen kommt, vermeldet das Zeise-Kino per SMS 283 verkaufte Karten, "die beste Sonntagsmatinée seit elf Monaten". Am Ende wird die Film-Aktion auf mehr als 2500 verkaufte Kinokarten kommen. Was nicht nur ein Erfolg ist, sondern auch ein klares Bekenntnis: Kein Heimfernsehen, und sei es noch so hochaufgelöst, kann das Gefühl ersetzen, sich mit Hunderten anderen Menschen im Kinosaal auf eine emotionale Reise zu begeben.

"Wir sind bei diesem Film komplett ohne Handbremse gefahren", erzählt Schipper auf der Bühne des Sa­voys. Großes Herz, große Klappe, große Leidenschaft. Das Besondere sei, "dass sich so viele Leute den Film so sehr zu eigen gemacht haben". Im Publikum sitzt Cutter Andrew Bird, der dem Film im Schneideraum zu seiner endgültigen Form verholfen hat. "Mein Psychoanalytiker und großer Bruder", begrüßt ihn Schipper gerührt.

Sebastian Schipper menschlich gesehen

An jeder Ecke warten an diesem Tag Überraschungsgäste auf den Regisseur (und die Zuschauer natürlich): Produzent Tom Spieß schaut im 3001-Kino vorbei, Gustav Peter Wöhler stellt sich in Ottensen und Blankenese den Fragen des Publikums. Sein Tipp: "Die Stadt ist so wunderschön in diesem Film, man muss ihn als Hamburger unbedingt mehrmals sehen." Im Abaton gibt es am Abend schließlich eine Vollversammlung der "Giganten"-Truppe: Die Schauspieler Florian Lukas und Antoine Monot sind eingetroffen, die Stimmung gleicht einer Klassenfahrt am letzten Abend kurz vor Mitternacht.

Gedenken an verstorbenen Frank Giering

Doch so weit ist es längst noch nicht; in einer verspäteten Mittagspause gibt es für den Regisseur nun Pizza mit Spinat und Gorgonzola zur Stärkung. Kann er den Tag genießen? Achselzucken. Ist halt Arbeit, sagt Schipper. "Wenn du eine Party schmeißt, kannst du als Gastgeber auch nicht der Erste sein, der betrunken in der Ecke liegt." Auch vor dem Lichtmess, der nächsten Kino-Station, baumelt das "Ausverkauft"-Schild vor dem Eingang. In Gedenken an die wohl berühmteste deutsche Kicker-Szene im Kino sind im Foyer drei Kickertische aufgebaut. "Team Filmförderung" unterliegt "Team Dorfjugend" schließlich 0:2. "Was ich beim Kickern immer besonders gut konnte, war Scheiße zu erzählen", sagt Schipper.

Im Metropolis wird der Ton ein wenig leiser, nachdenklicher. "Tribute to Frank Giering" heißt das Motto. Er habe heute Morgen nach dem Aufwachen aus dem Fenster gesehen und gedacht: "Sometimes it snows in April", sagt Schipper. Dabei habe er an Prince gedacht, "aber natürlich auch an Frankie." Giering starb 2010; an diesem Tag fühlt es sich an, als wäre er sehr lebendig. Der Filmwissenschaftler Christian Maintz lobt "Absolute Giganten" mit den Worten: "Beim ersten Mal ist man beeindruckt von dem Film, beim 20. Mal hat man Mühe, ihn trockenen Auges zu sehen." Bevor es zuviel wird mit den Lobhudeleien, schimpft eine Frau vor dem Kinoeingang ein wenig mit Schipper: "Sie haben gar nicht gezeigt, wie schön grün unsere Stadt ist."

Die Filmszene mit der Köhlbrandbrücke:

Hummer schwärmt von familiärer Ungezwungenheit

Ob jung oder alt, B-Movie oder Blankeneser Kino – dass "Absolute Giganten" ein Film ist, auf den sich am Ende alle einigen können, wird an diesem Tag noch mal besonders deutlich. Auch, dass es sich hier um eine Art cineastisches Familientreffen handelt. Im B-Movie singt ein ganzer Kinosaal "Happy Birthday, liebe Julia", während Guido A. Schick seiner Kollegin Julia Hummer eine wunderkerzenverzierte Himbeercremetorte (mit Marzipan-Cowboyhut) überreicht. Julia Hummer, 36, sagt: "Ich habe viele Filme nach ,Absolute Giganten' gedreht, aber es war nie wieder so ungezwungen familiär."

Es gibt Paare, die ihre Tochter nach ihrer Rolle, Telsa, benannt haben, erzählt sie. Sebastian Schipper hört an diesem Tag mehr als einmal das Kompliment: "Deinetwegen bin ich nach Hamburg gekommen." "Absolute Giganten" erzählt auch von der Gewissheit, am genau richtigen Ort zu sein. Ein solches Gefühl ist auch nach 17 Jahren noch nicht verbraucht.

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