Hamburg

Das Ensemble Resonanz und die „Überlebensmusik“

Hamburg.  Wenn Musik einen Text in Töne kleidet, übernimmt sie gern das Kommando. Mit ihren Melodien und Harmonien lenkt sie die Wahrnehmung in eine neue Richtung und kreiert ihren eigenen emotionalen Gehalt. Stefan Litwins Kertész-Vertonung „... die Hölle aber nicht“ versagt sich diesen Eigensinn dagegen konsequent – und fesselte die Besucher beim Musikfest-Konzert des Ensemble Resonanz im Kleinen Saal der Laeiszhalle gerade deshalb umso mehr.

In seinem Stück für Sprecher, Klavier und Streicher nimmt Litwin den provokant nüchternen Tonfall auf, mit dem Imre Kertész in seinem epochemachenden „Roman eines Schicksallosen“ von Auschwitz berichtet. Die Rhythmen der knappen, scheinbar arglosen Aussagen („Wenn man die eine Stufe hinter sich gebracht hat, kommt bereits die nächste“) hallen in den Instrumenten nach. Dadurch bekommen die Wörter und Sätze mehr Raum als bei einer bloßen Lektüre des Textes und können sich unerbittlich ins Hirn des Hörers hineinklopfen.

Litwins Meisterwerk wirkte auch deshalb so beklemmend, weil die drei Streicher des Ensemble Resonanz mit dem Sprecher Johann-Michael Schneider und dem Komponisten selbst am Klavier eine geradezu perfide Präzision im Zusammenspiel fanden.

Gerahmt wurde das Herzstück des Programms von zwei größer besetzten Werken, die das Motto der Musikfest-Reihe „Überlebensmusik“ aus anderen Perspektiven beleuchteten.

Gideon Kleins Partita für Streicher entstand im Oktober 1944 im KZ Theresienstadt und kündet mit seinem tänzerischen Schwung von einem beinahe trotzigen Lebensmut.

Auch für Mieczyslaw Weinberg war die Musik eine Quelle der Selbstvergewisserung. Wie der mit ihm befreundete Schostakowitsch litt er unter Antisemitismus und Terror des Sowjetregimes und musste sein Bekenntnis zur jüdischen Kultur in der Musik verstecken, wie in der Kammersinfonie Nr. 1.

Der junge Dirigent Gergely Madalas formte die Charaktere des Stücks mit den gewohnt topkonzentrierten Resonanzlern plastisch aus. Von der gespenstischen Totentanzkühle im ersten Satz bis zum feurigen Finale demons­trierte das Kammerorchester einmal mehr jene Mischung aus Präzision, Musizierlust und Leidenschaft, die es zu einem Ensemble der Spitzenklasse gemacht hat.

Musikfest Hamburg bis 22.5., Infos und Karten unter www.musikfest-hamburg.de