Hamburg

Frank Grupe: Ein Mann für alle Fälle

Frank Grupe Arm in Arm mit der Heidi-Kabel-Skulptur

Frank Grupe Arm in Arm mit der Heidi-Kabel-Skulptur

Foto: Michael Rauhe

Seit 1997 ist Grupe am Ohnsorg-Theater, als Schauspieler, Regisseur, Dramaturg und Übersetzer. Sonntag hat er mit „En leven Mann“ Premiere.

Hamburg.  Die Bühnenbild-Unordnung von „Soul Kitchen“ ist abgeräumt und im Magazin zwischengelagert, die Bühne im Ohnsorg-Theater für die nächste Premiere sieht aufgeräumt aus. Nur zwei Wandbilder stören Regisseur Frank Grupe. „Die sollten wir tauschen“, sagt er zu seiner Bühnenbildnerin Félicie Lavaulx-Vrécourt.

Der schlaksige Regisseur verschafft sich einen kurzen Überblick, am Nachmittag ist Beleuchtungsprobe, ab 18 Uhr kommen die Schauspieler zur normalen Probe. Für den Regisseur bedeutet das einen langen Arbeitstag, aber ein paar Tage vor einer Premiere ist das der Normalzustand. Von Hektik ist bei Grupe nichts zu spüren. Im Gegenteil. Der 63-Jährige wirkt ausgesprochen gelassen. Ein Profi eben.

Seit 1997 gehört Grupe zum Team des Ohnsorg-Theaters. Als Dramaturg und Regisseur, als Schauspieler und Übersetzer, als Stückeschreiber und seit ein paar Jahren als Oberspielleiter. „Die Mischung und die Abwechslung tun mir gut“, sagt er. „Prioritäten vermag ich gar nicht zu setzen. Ich freue mich, wenn ich mit einer Inszenierung durch bin und wieder spielen darf. Ich sitze aber auch gern in meinem Büro und übersetze oder beschäftige mich mit dramaturgischer Arbeit.“ Seine Vielseitigkeit macht ihn für das Haus am Heidi-Kabel-Platz so wertvoll, er selber ist auch froh über die vielen Talente, die ihn ihm stecken: „Vielleicht wäre ich als Schauspieler gar nicht über die Runden gekommen. In den Jahren, die ich frei gearbeitet habe, gab es auch Leerlaufzeiten.“ Inzwischen ist das ein Fremdwort für den 1,92 Meter großen Theatermann.

Aktuell befindet er sich im Regie-Modus. „En leven Mann“ feiert an diesem Sonntag Premiere. Es ist ein kriminalistisches Kammerspiel, das Grupe und sein Team vor dramaturgische Herausforderungen gestellt hat, weil es verschiedene Zeit- und Ortsebenen hat, die parallel laufen. Es geht um einen Mord im Garten einer Villa, in der Senioren in einer WG zusammenleben, und um das Verhör in einem Kommissariat. „Die beiden Handlungsstränge sind eng miteinander verwoben. Es war ein kleiner Drahtseilakt, den Plot zu transportieren, ohne die Feinheiten des Gewebes zu stark zu vergröbern“, beschreibt Grupe die Schwierigkeiten.

In der Originalfassung des Stücks gibt es 36 Szenenwechsel, Grupe hat sie auf 17 reduziert. „Das hätte mehr Umbau- als Spielzeit bedeutet. Aber wir haben eine gute bühnenbildnerische Lösung gefunden“, sagt er.

Als Zwölfjähriger musste Grupe zum ersten Mal Platt snacken

Obwohl Grupe seit fast zwei Jahrzehnten an einer niederdeutschen Bühne arbeitet, ist ihm das Plattdeutsche nicht in die Wiege gelegt worden. Geboren wurde er 1952 in Hörstel/Westfalen, im Alter von drei Jahren kam er nach Bremen. „Bei uns zu Hause wurde strikt darauf geachtet, dass perfektes Hochdeutsch gesprochen wurde“, erzählt er.

Als Zwölfjähriger musste Grupe zum ersten Mal Platt snacken. Zwei Jahre zuvor war er von Radio Bremen für Schulfunksendungen ausgewählt worden, regelmäßig fuhr er als junger Sprecher in den Sender. Mit 14 stand er zum ersten Mal vor einer Fernsehkamera, zwei Jahre später dann im Waldau-Theater auf der Bühne, das war die Niederdeutsche Bühne in Bremen. „Für Theater hätte ich alles stehen und liegen lassen“, erinnert er sich an seine ersten Bühnenerfahrungen. Neben Schule und Zivildienst konnte er immer weiterspielen. „Eins führte zum anderen. Eine Schauspielschule habe ich nie besucht, das hat sich nicht ergeben, weil ich immer gespielt habe.“

Obwohl Grupe zu einer älteren Generation von Theatermachern gehört, hat er entscheidend mit dazu beigetragen, dass sich auch das Ohnsorg-Theater verändert hat und die Gemütlichkeit der Heidi-Kabel-Zeit nur noch Nostalgie ist. „Volkstheater hat sich gewandelt. Es ist professioneller und facettenreicher geworden, der Fundus an Stücken hat sich erweitert. Wir machen ja auch Shakespeare-Klassiker und Boulevard“, erklärt er. Und Kino. Gerade ist mit großem Erfolg „Soul Kitchen“ nach Fatih Akins Film als plattdeutsche Erstaufführung im Ohnsorg gelaufen, um das Haus auch für jüngeres Publikum zu öffnen. In der nächsten Spielzeit steht „Honig im Kopf“ von Til Schweiger auf dem Programm. Eine hochdeutsche Textfassung hat Grupe schon übersetzt, „aber die funktioniert auf dem Theater noch nicht. Wir müssen eine eigene Form finden“, sagt er.

Bevor Grupe Schweigers Kinofilm im Herbst auf die Ohnsorg-Bühne bringt, stehen noch andere Projekte an. Nach der Premiere von „En leven Mann“ darf er wieder als Schauspieler am eigenen Haus wirken – in der Komödie „Vun achtern und vun vörn – Der nackte Wahnsinn“, die Ex-Schauspielhaus-Intendant Michael Bogdanov inszeniert. Im Sommer geht es wieder nach Marienhafe in Ostfriesland. Dort inszeniert er zum dritten Mal bei den Störtebeker-Freilichtspielen. Begeistert erzählt er von dem Projekt, bei dem er mit mehr als 200 Akteuren arbeitet: „Es ist wahnsinnig reizvoll, Massen zu choreografieren und damit große Bilder zu schaffen.“ Auf Psychologie kommt es da weniger an, Grupe muss Massen ansprechen und „weit senden“, wie er sagt. Ein gewisses Selbstbewusstsein benötige man auch. Und ein Megafon.

„En leven Mann“ Premiere So 17.4., 19.30, Ohnsorg-Theater, Heidi-Kabel-Platz 1, Karten ab 12,-, www.ohnsorg.de