Literatur

Neuer Roman von Juli Zeh: Willkommen in der Provinz

Juli Zeh, Jahrgang
1974, steht mit
ihrem Roman
„Unterleuten“ auf
der Bestsellerliste

Juli Zeh, Jahrgang 1974, steht mit ihrem Roman „Unterleuten“ auf der Bestsellerliste

Foto: Marcelo Hernandez / HA

In ihrem neuen Werk „Unterleuten“ erzählt die Autorin Juli Zeh von einem Land, in dem jeder nur auf seinen Vorteil bedacht ist.

Hamburg.  So unpassend für diese Zeit ist „Unterleuten“ gar nicht, nein, im Gegenteil – der neue Roman Juli Zehs fügt sich sogar sehr gut in die aufgeheizte Gegenwart, in der sich die Gemüter an der Flüchtlingskrise erhitzen und stellenweise, Stichwort Pegida, Komplexitätsverweigerung betrieben wird, dass sich die Balken biegen. Der streitsüchtigen Stuttgart21-Republik, in der jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, schenkt Zeh, 41, jetzt den Roman, den sie verdient: „Unterleuten“ erzählt von einem Tollhaus auf dem Land, in dem den Menschen die Galle überkocht, wenn sich die eigenen Interessen nicht durchsetzen lassen.

Dass das 600 Seiten dicke und über exakt diese Strecke immer unterhaltsame Buch derzeit auf der Bestsellerliste steht, kann also kein Zufall sein – ein realistischer Gesellschaftsroman kann über den schwarz-rot-goldenen Dauerhader nicht einfach hinwegsehen. Und findet deswegen Leser. Die Wahl des Ortes dürfte Zufall sein: Das erfundene Unterleuten wirkt von seinen idyllischen Aspekten her gesehen – alte Bauernhäuser, Raum, Ruhe – wie der Aussteigertraum berlinblöd gewordener Hauptstädter, könnte so aber auch in Niedersachsen oder Bayern liegen.

Stadtflucht hat ja immer Konjunktur. Aber was ist das für ein verkorkstes und tristes Nest, in das die Schriftstellerin Zeh (viele kennen sie auch als Gast in politischen Talkshows) ihre Großstädter da schickt! Unterleuten ist Schlangengrube, Sehnsuchtsort und Investorenfantasie in einem, vor allem aber ein mit Geschichte aufgesogener Ort: Alteingesessene Familien leben seit Langem hier und agieren nach den überkommenen Gesetzen des Tauschprinzips – gibst du mir das, bekommst du jenes. Mit einem geplanten Windpark kommt ein alles verändernder Faktor ins Spiel, eine neue Zeit könnte eingeläutet werden. Die einen wittern das große Geschäft, die anderen ent­decken ihr Schicksal als Wendeverlierer neu.

Weil nichts so sehr über die Qualität eines Gesellschaftsromans entscheidet wie das Personal, das ihn bevölkert, serviert Zeh in „Unterleuten“ gleich eine ganze Fülle von psychologisch insgesamt gelungenen Figuren.

Die interessantesten sind wohl die beiden Archetypen, die eine Uraltfehde austragen: der hemdsärmelige Kapitalist Gombrowski auf der einen und der pathologisch zu kurz gekommene Altkommunist Kron auf der anderen Seite. Sie bekämpfen sich buchstäblich bis aufs Blut.

Zeh, deren letzte Romane im Krimi- und Thrillergenre zu Hause waren, ordnet ihre Handlung diesmal streng nach den Personen, die sie tragen: Die Kapitel sind schlicht mit den Namen jeweils der Figuren überschrieben, aus deren Perspektive sie erzählt werden.

Wo jeder seine eigene Agenda hat und die mitunter skrupellos durchzusetzen versucht, ist einer wie der lebenslaufschlappe Computerprogrammierer Frederik der einzig sympathische Mensch in diesem Roman. Seine Freundin, die sehr berechnende Pferdehalterin Linda, liebt er – kritisch. So kritisch, dass er „eines Tages“ mal ein Computerspiel entwickeln will, „in dem eine Frau wie Linda die Hauptrolle spielt. Eine, die allen Ernstes glaubt, Gerechtigkeit sei ein anderes Wort dafür, dass sie ihren Willen bekommt“.

Was einem bei der Lektüre der insgesamt recht ekligen Provinzposse, in der auch Umweltschützer opportunistisch die Seiten wechseln, Vergnügen bereitet, ist eine in narrativer Hinsicht amerikanisch wirkende Selbstsicherheit, Aussagen über Personen zu treffen und charakterliche Festlegungen vorzunehmen. Gerade hinsichtlich der Berlin-Flüchtlinge wirkt „Unterleuten“ wie eine pointierte Sammlung von Stereotypen, die genau so ihre Entsprechung in der Wirklichkeit haben.

Was die Beschreibungskunst von Menschen angeht, orientiert sich Zeh offensichtlich an Großmeistern – nicht zufällig heißt die bereits erwähnte Linda „Franzen“ mit Nachnamen. Und doch ist es so, dass beinah allen Personen derselbe Ton zu eigen ist; wenn es um die grundsätzlich pessimistische Sicht auf die Gesellschaft geht, denken alle gleich smart oder zynisch oder zumindest gleich resignativ. Als träte hinter den Figuren die Autorin hervor, die lieber ihre Gesellschaftskritik auf die Protagonisten verteilt, als ihnen eine tatsächlich eigene Stimme zu geben.

Lesung Mo 11.4., 19.30, Rolf-Liebermann-Studio, Oberstraße 120, Eintritt 17,40 Euro, T. 44 19 21 92