Laeiszhalle

Klaviermusik wie aus einer anderen Welt

Grigory Sokolov brilliert mit Schumann und Chopin – und es gab einige Momente, in denen Sokolov Gewissheiten aushebelte.

Hamburg.  Ein Klavier kann vieles, sehr vieles. Nur eines nicht: einmal angeschlagene Töne verändern. Kaum haben die Hämmerchen sie den Saiten entlockt, verklingen sie so unfehlbar, wie die Zeit verrinnt.

Es sei denn, der Pianist heißt Grigory Sokolov. Der bringt es fertig, einen Akkord aus Stahl gleichsam auf der Stelle zu drehen und ins Samtrote zu wenden. So am Dienstag geschehen in der ausverkauften Laeiszhalle. Wie er das macht? Unerklärlich, man muss es gehört haben, um es zu glauben. Und das war nicht der einzige Moment, in dem Sokolov Gewissheiten aushebelte.

Wer gedacht hätte, der Kontinent Schumann sei zur Gänze erforscht, den belehrte dieser Abend alsbald eines Besseren. Die Arabeske C-Dur op. 18 kann vermutlich jeder Klavierfreund mitsummen. Aber unter Sokolovs mal vogelleichten, mal gebieterischen Fingern klang sie bestürzend fremd. Statt unverbindlich im Konversationston zu plaudern, stellte Sokolov schon in den allerersten, fast verschwindenden Tönen weich grundierte und zugleich bange Fragen und antwortete dann im Bass kurz und getupft in einer Mischung aus Entschiedenheit und Zweifel. Und nahm seine Hörer im Folgenden mit auf eine Reise durch nicht kartiertes Terrain. Wo er im Nachdenken versank, schien es keine Ordnung mehr zu geben, doch im nächsten Moment murmelten wieder die Sechzehntel des Kopfthemas.

Einmal auftreten musste Sokolov für einen Konzertteil ausreichen. Damit ihm auch bloß keiner dazwischenklatschte (manche taten es dennoch), spielte er die Stücke fast übergangslos hintereinander. An die Arabeske schloss sich fast nahtlos die C-Dur-Fantasie op. 17 an, zerklüftetes Gelände auch sie, voller Findlinge und Wegweiser in Richtung einer neuen Epoche: Der Expressionismus lag zu Schumanns Lebzeiten noch in weiter Ferne.

Und Chopin im zweiten Teil? Dessen „Deux Nocturnes“ op. 32 und seine berühmte Klaviersonate b-Moll waren denkbar weit entfernt von silbrig-kühler Virtuosität. Über spieltechnische Schwierigkeiten war Sokolov ohnehin erhaben, selbst wo er mit Grandezza danebenlangte. Seine Gestaltungsmittel setzte er so souverän ein wie einer, der darüber schon lange nicht mehr nachdenken muss, ob das sein erdiges, unendlich nuanciertes Piano war, seine gemeißelte Artikulation oder der Mut, die Harmonien durch Pedalgebrauch mitunter ineinanderzuziehen.

Sokolovs Zugaben allein wären schon ein Programmteil gewesen. Fünfmal Schubert und einmal Chopin; unter sechs Zugaben macht der russische Eremit es nicht. Den hingerissenen Jubel zwischendurch nahm er mit knappen Verbeugungen entgegen. Immerhin.