"Brüllende Fahnen"

Weshalb sich Jupiter Jones radikal verändert haben

Jupiter Jones, das sind jetzt Sascha Eigner (v.l.), Marco Hontheim, Sven Lauer und Andreas Becker

Jupiter Jones, das sind jetzt Sascha Eigner (v.l.), Marco Hontheim, Sven Lauer und Andreas Becker

Foto: Sven Sindt

Die Hamburger Rockband Jupiter Jones war auf dem Weg nach ganz oben. Dann stieg der Sänger aus, und alles musste neu beginnen.

Hamburg.  Es lief scheinbar wie am Schnürchen für Jupiter Jones: Im Oktober 2013 knackte die Rockband das erste Mal die Top Ten der Charts, mit ihrem vierten Album „Das Gegenteil von Allem“. Da war das 2002 in der Eifel gegründete und mittlerweile in Hamburg lebende Quartett bereits daran gewöhnt, große Clubs wie die Freiheit auszuverkaufen. Doch kurz vor Tourstart schockierte eine Meldung die Fans: alles abgesagt. Sänger Nicholas Müller litt seit Jahren an Angststörungen. Mehrmals am Tag überfielen ihn halbstündige Panikattacken mit Hitzewallungen, Übelkeit, Herzrasen und Kaltschweiß. Auf dem Weg zur Bühne, mitten im Konzert beim Deichbrand Festival, auf dem Weg zum Supermarkt. Er verließ Jupiter Jones im Mai 2014. Alles auf null.

Ein düsteres Album – das beste der Bandgeschichte

März 2016: Rasselnd fährt ein Fahrstuhl in die Tiefe unter einem Industriekomplex in Hamm. Hier haben sich Songschreiber und Gitarrist Sascha Eigner, Schlagzeuger Marco Hontheim und Bassist Andreas Becker mit dem neuen Sänger Sven Lauer eingerichtet und das Album „Brüllende Fahnen“ aufgenommen, das am Karfreitag als Download und am Sonnabend auf Vinyl und CD erscheint. Der Neustart auf allen Ebenen, eingespielt in der Tiefe eines Raumes. Es ist ein düsteres Album, ein radikaler Bruch in der Bandgeschichte. Und das beste Werk von Jupiter Jones. Hammer Platte.

„Wir haben emotional eine schwere Zeit hinter uns. Nicht erst seit der Trennung von Nicholas, schon in den Jahren davor sind wir durch viel Mist gegangen“, erzählt Marco Hontheim, der wie Sascha Eigner aufrichtig und offen den Weg zum Neuanfang nachzeichnet. Eigner ergänzt: „Nicholas hat die Band nicht wegen der Angststörung verlassen, sondern weil er nicht mehr Teil der Band sein wollte. Wir waren Freunde. Wir haben tolle und blöde Sachen zusammen erlebt. Wir waren viele Jahre unterwegs mit dieser Krankheit, da bist nicht nur Bandkumpel, sondern auch Therapeut, packst ein Bandmitglied in Watte, beschützt es, befreist es von den anstrengenden Tourbedingungen. Und doch weißt du bis zehn Minuten vor Konzertbeginn nicht, ob du auf die Bühne kannst oder in die Notaufnahme musst. Und das Tag für Tag, jahrelang.“ Kurze Stille. „Und wenn man sich dann noch musikalisch auseinanderentwickelt, entfernt man sich. Ein unaufhaltsamer Prozess. Weder wir noch Nicki hatten eine Chance.“

Ex-Sänger Müller hat mit seiner Krankheit leben gelernt

Und doch war das am Ende eine Chance für alle. Nicholas Müller hat nach einer Therapie besser mit seiner Krankheit leben gelernt, er spricht öffentlich darüber, mit Tobias Schmitz hat er die Band Von Brücken gegründet und vor einem halben Jahr das viel beachtete Album „Weit weg von fertig“ veröffentlicht. Eine Platte voll im allgemeinen Trend zum romantischen Befindlichkeitspop. „Nicki ist ein toller Texter und Musiker. Und bei Von Brücken und uns erkennt man jetzt die unterschiedlichen Vorlieben. Unser Nenner wurde immer kleiner. Jetzt muss niemand mehr Kompromisse machen“, sagt Sascha Eigner. Entsprechend kompromisslos ist das Album „Brüllende Fahnen“ auch geworden.

rocken erdig und vintage, satt groovend, mit verschobenen Rhythmen, kolossalen Riffs und Texten, die von Kämpfen, Albträumen, Gegenwind, Zweifel, Flucht, Fremdenhass („Alle Türken heißen Ali“) und Faustschlägen erzählen. Ein fantastischer Sound, der allerdings keinen Platz für Romantik lässt. Nur „70 Siegel“ erzählt von einer gescheiterten Liebe, aus der Freundschaft wird. Eine krasse Wendung in der Entwicklung. „Wir reduzierten uns auf die Essenz“, sagt Sascha, „keine Synthies, keine Streicher. Es ist viel einfacher, eine poppige Platte zu machen, als nackt dazustehen und mit wenigen Mitteln einen Song hinzustellen, der funktioniert.“

Dass die Songs funktionieren, liegt auch an Sänger Sven Lauer, der mit Eigner vor langer Zeit in der Punkband Uncle Benz spielte. Als jahrelanger Freund und Begleiter von Jupiter ­Jones und dynamischer Frontmann mit prägnanter Stimme musste man sich nicht gegenseitig akklimatisieren, beschnuppern. Wie ein fehlendes Puzzleteil macht er das Bild komplett, auch auf der Bühne, wo eine Band hingehört. „Nicholas war sehr introvertiert, in seiner Welt. Sven ist eine Rampensau, der permanent kommuniziert“, vergleicht Eigner, und Hontheim erinnert sich an die ersten Auftritte mit Lauer: „Auf einmal hast du vor der Bühne tanzende Menschen! In der alten Konstellation hatten wir bei Festivals Probleme, die Leute mitzureißen, und wurden, wenn überhaupt, dann nur zähneknirschend für Open Airs gebucht. Jetzt hören wir oft: Jetzt sind sie ’ne richtige Band.“

Weg von der Radiofreundlichkeit

Jupiter Jones ist sozusagen zurück in Schwarz, so wie AC/DC einst mit neuem Sänger und dem unfassbar erfolgreichen Album „Back In Black“ neu anfing. Aber im Vergleich mit den aus­tralischen Hardrockern könnte sich „Brüllende Fahnen“ aus kommerzieller Sicht als Rückschritt erweisen. „Wir müssen jetzt sehr kämpfen, um die Leute von dem Weg zu überzeugen, den wir eingeschlagen haben. Wir haben uns zwar immer von Platte zu Platte leicht verändert, aber dieses Mal ist es wirklich radikal. Bamm. Holzhammer. So klingen wir jetzt. Das ist für manche sicher schon ein schwerer Schritt“, gibt Eigner zu.

Während viele erfolgreiche deutsche Bands mit den Jahren radiofreundlicher wurden, geht Jupiter ­Jones in die andere Richtung. „Man hat das Gefühl, dass hier viel verweichlicht ist. Es fehlt an Bands, die mit Brust raus losmarschieren“, sagt Hontheim. Eigner stimmt zu: „Mich freut jede Band, die nicht glattgebügeltes, totes Material ist. AnnenMayKantereit oder Isolation Berlin fallen mir aktuell ein. Da ist Leben drin.“ Die Inspirationen von Jupiter Jones sind Arctic Monkeys, Jack White, The Black Keys, Bloc Party oder Josh Homme, und das hört man „Brüllende Fahnen“ auch deutlich an. Vergleiche mit deutschen Bands Marke Selig oder Wingenfelder ist Jupiter Jones mittlerweile leid, auch wenn Marco Hontheim sich durchaus über die kleinen Dinge freuen kann: „Früher wurden wir mit Pur verglichen. Also, da sind wir schon einen Schritt weiter.“

Jupiter Jones: „Brüllende Fahnen“ Album
(Four Music) ab 26.3. im Handel, Konzerte: Sa 26.3., 20.00, Hanseplatte, Neuer Kamp 32, Eintritt frei;
Mi 20.4., 20.00, Molotow, Nobistor 14, Karten zu 26,- im Vorverkauf; www.jupiter-jones.de