Hamburg

Humor, der verbindet

Clara Weyde inszeniert "Funny Girl" als ironisches Spiel mit kulturellen Missverständnissen und fabelhafte Comic-Revue

Hamburg. Als junge muslimische Frau gibt es einiges, mit dem man sich den Unmut der eigenen Familie zuziehen kann. Azime, furios gespielt von Florence Adjidome, will aber weder in die Disco, noch will sie Miniröcke tragen, sie will nur die erste muslimische Stand-up-Comedienne Londons werden. Das findet ihre Familie von Einwanderern aus dem kurdischen Teil der Türkei gar nicht komisch. Die deutsche Erstaufführung von "Funny Girl" im Jungen Schauspielhaus nach dem gleichnamigen Roman des neuseeländischen Autors Anthony McCarten ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Das von realen Begebenheiten um die pakistanisch-britische Komikerin Shazia Mirza inspirierte Stück lässt auf kluge, direkte und amüsante Weise kleinasiatische und westlich-freiheitliche Weltsichten aufeinanderprallen.

Die junge Regisseurin Clara Weyde lässt in ihrer geglückten Inszenierung ihre sieben Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne – fast alle in mehreren Rollen – eine herrlich aufgekratzte Anarchie ausleben. Da steht erst Azime vor ihrem Publikum und reißt muslimische Witze. Etwa den von den frisch zwangsverheirateten Kindern, die sich dann auf die gemeinsame Pubertät freuen können. Später wird sie, gehüllt in eine Burka, auch von den Schattierungen von Schwarz des Kleidungsstücks berichten. Und von der Verwechslungsgefahr der Frauen durch ihre Ehemänner im Supermarkt.

Lachen kann befreiend wirken, gerade bei derzeit sehr angespannten Themen. Den fremdartigsten Ritualen gewinnt Azime launige Seiten ab. So beschreibt sie sich als 20-Jährige: "Besondere Kennzeichen: große neugierige Augen, denen nichts entgeht, Augen mit denen sie eine Welt betrachtet, die sie nicht ändern kann. Unglücklich zu Hause, unglücklich bei der Arbeit – ein richtungsloses Leben, das nirgendwo hinführt." Das ändert sich im Laufe des Abends. "Ich habe eine Mission. Ich will Vorurteile bekämpfen", sagt die Komikerin.

Hanna Lenz hat die Bühne vielleicht etwas üppig mit Devotionalien zugestellt, in denen das Möbellager der Eltern Azimes neben der Comedy-Bühne viel Raum einnimmt. Die Objekte nennt Azime "Bagdader Barock", der noch authentischer wirkt, wenn man die Plastikfolie darüber lässt. Im oberen Regal steuert Thomas Leboeg als Manny Dorfmann an der Orgel liebevoll gestrige Synthesizer-Sounds bei.

Azimes sensible Schwester Döndü (Florens Schmidt) kriecht bevorzugt durch eine Bodenklappe. Vater Aristot (Hermann Book) sitzt dauerjauchzend vor dem TV-Gerät, und Mutter Sabite (Christine Ochsenhofer) ordnet sich schmallippig den Regeln des Patriarchates unter. Allen Darstellern ist die Spiellust anzumerken. Dass sie dabei comicartige Perücken (Kostüme: Clemens Leander) tragen, wäre nicht notwendig. Das Stück wird auch so temporeich, perfekt auf die jugendliche Zielgruppe ab 14 Jahren zugeschnitten und fast wie ein Bilderroman erzählt. Gekonnt verschränken sich in Stück und Inszenierung Stoff zum Nachdenken und beste Unterhaltung.

Angestachelt durch ihren Freund, den Pantomimen Deniz (Gabriel Kähler), besucht Azime heimlich das Comedy-Seminar der emanzipierten US-Amerikanerin Kirsten (wiederum Christine Ochsenhofer). Doch über die neuen Medienkanäle dringen ihre ersten Auftritte an die Öffentlichkeit, die Familie schäumt, sonnenbebrillte Cousins rücken an, und es gibt sogar Morddrohungen. Ermuntert durch den Seminarerfolg verlässt Azime die Familie, um ihren eigenen Weg zu gehen, doch es zieht sie zu ihren Wurzeln zurück. Die von der Mutter arrangierten Eheanbahnungstreffen verlaufen zum Genuss des Zuschauers allerdings weiterhin so desaströs wie vorher. Azime will sich partout nicht verheiraten lassen. Mal befällt sie eine Hautallergie, mal trinkt sie Blumenwasser.

Sie hat eben doch ihren eigenen Kopf, und es ist die reinste Freude, Florence Adjidome dabei zuzusehen. Ihre Fröhlichkeit, ihre Präsenz und der Humor, mit dem sie die Rolle verkörpert, sind absolut ansteckend. Anders als häufig in der Realität gibt es für Azime eine Art Happy End.

Das ironische Spiel mit kulturellen Missverständnissen ist dieser Tage kein leichtes Unterfangen. Doch so ernst und berührend die Geschichte Azimes in ihrer Tragweite auch ist, kommt sie doch glaubhaft leichtfüßig daher. Dabei lehrreich, ohne moralisch zu mahnen, sondern allein kraft der erzählten Geschichte. Der Abend funktioniert auch deshalb so gut, weil er gleichzeitig einem Ratschlag folgt, den Autor McCarten auch beim Schreiben verinnerlicht hat. Gute Witze verbinden, sorgen dafür, dass man sich weniger allein fühlt, weniger hoffnungslos und weniger unverstanden. Und gute Witze – auch ein paar ganz bewusst schlechte – hat der Abend jede Menge zu bieten.

"Funny Girl" 23.2., 10.30, 4.4., 5.4., 6.4., jew. 19.00, Junges Schauspielhaus, Gaußstraße 190, Jugendliche ab 14 Jahren, Karten unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de

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