Hamburg

Mauer Applaus für einen farblosen „Pygmalion“-Versuch

Der belgische Schauspieler Kristof Van Boven (links) sorgt für Lacher und schöne Momente. Leider trägt das nicht den ganzen Abend

Der belgische Schauspieler Kristof Van Boven (links) sorgt für Lacher und schöne Momente. Leider trägt das nicht den ganzen Abend

Foto: Krafft Angerer / HA

Buhs und mauer Applaus für eine Premiere am Thalia Theater, die eine durchchoreografierte Hülle ohne klare Idee blieb.

Hamburg.  Vielleicht beginnt man am besten mit Äußerlichkeiten. Der erste Eindruck nämlich, der hat was. Diese hölzerne Halfpipe, die als (verkleinerte, also konzentrierte, aber auch einengende) Bühne dient. Sehr klar, sehr cool, sehr schick, könnte entfernt auch an Altbauparkett erinnern, auf dem Menschen mit Kulturberuf leben, die in ihrer Freizeit noch Skateboard fahren, obwohl sie eigentlich längst zu alt dafür sind. Mittig, anstelle von Möbeln, stapeln sich die Bücher. Zeichen der Bildungsbürgerlichkeit, Zeichen, vielleicht, auch von Gestrigkeit. Pastellfarbene Kostüme, lieb und sanft, aber doch uniformiert und schon deshalb in ihrer ganzen püppchenhaften Zuckrigkeit erdrückend.

„Pygmalion“ von George Bernard Shaw am Thalia Theater – nein, ach, nach George Bernard Shaw, eine entscheidende Kleinigkeit, wie sich bald schon herausstellt.

Denn die beiden estnischen Regisseure Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo haben so ihre eigenen Ideen zu Shaws Stück, das er vor mehr als 100 Jahren schrieb und clever eine „Romanze“ nannte, obwohl er eigentlich herrschende gesellschaftliche Zustände kritisieren wollte. (Was allerdings nur dazu führte, dass alle Welt den Stoff später vor allem in der „My Fair Lady“-Version mit Audrey Hepburn als Eliza Doolittle verehren sollte). Der Sprachwissenschaftler Professor Higgins wettet darin mit seinem Freund Pickering, dass er aus einer ungebildeten Blumenverkäuferin eine Herzogin machen könne, indem er sie Manieren und die Sprache der Oberschicht lehre.

Ein Integrationskurs also, gewissermaßen. Wenn das kein aktuelles Thema ist! Dazu ein solches Zitat: „Es geht darum, dass man einen Menschen nicht wie einen Kiesel am Strand auflesen kann.“ Menschen am Strand auflesen? Ein Mitglied der Gesellschaft formen, ohne auf die persönlichen Wünsche des Versuchsobjekts einzugehen? Man kann sich durchaus vorstellen, dass einem als Regisseur dazu heutzutage frische Ideen kommen.

Eine der Hauptideen von Semper/Ojasoo aber ist: Audrey Hepburn durch Kristof Van Boven zu ersetzen. Die Eliza ist der Eliza, der Name bleibt. Und der überhebliche Higgins wird von Oda Thormeyer gegeben, ist also eine Frau, ebenso wie Pickering, den Marina Galic anmutig spielt. Kann man ja machen. Schon deshalb, weil die Schauspieler alle starke Persönlichkeiten mit unzweifelhafter Bühnenpräsenz sind. Man schaut ihnen – grundsätzlich – gern zu. Allein: Warum bloß dieser Geschlechterwechsel? Sollte das nicht irgendeine Botschaft, einen Grund haben? Ratlos bleibt der Zuschauer zurück und wartet auf eine Eingebung, einen Hinweis, während die Darsteller in ihrer aggressiven Niedlichkeit die Halfpipe hinauf und hinunter laufen, allerlei choreografierte Bewegungsabläufe abspulen und mit rotgeschminkten Knallkussmündern Bussis in die Luft schmatzen.

Auch das, dieses Spiel, dieser Tanz mit Kaffeetassen, Plätzen, Status, hat eine Weile seinen Reiz. Vor allem Alexander Simon fällt auf, der im blumigen Zweiteiler Elizas Vater spielt und bisweilen leicht an Johnny Depp erinnert. Den einen oder anderen Tim-Burton-Film, den einen oder anderen Herbert-Fritsch-Abend dürfte das Regieteam gesehen und für seine Ästhetik bewundert haben. Und der belgische Schauspieler Kristof Van Boven ist vor allem in seiner Einstiegsszene sehr rührend, wie er stammelt und stottert, wie er dieser gruseligen Pastellgesellschaft gegenübersteht und rasch erkennt, welche Ansammlung von Bekloppten er da vor sich hat. Ein hübscher und auch lustiger „Des Kaisers neue Kleider“-Moment ist das, wunderbar gespielt von Van Boven, der es versteht, ganz viel zu sagen, wenn er nichts sagt.

Umso betrüblicher ist die Inszenierung in ihrer Gänze. sie ist wie einer der dort reichlich verteilten Luftküsse, ein kurzer Knall ins Nichts – wo bleibt die Verzweiflung, die Liebe, die Berührung durch das Schicksal Elizas? Was möchte uns dieser Abend sagen, der mit wenig Text auskommt, alles auf Körperarbeit und Tanztheater setzt, aber damit über die lange Strecke einfach keinen zwingenden Sog entfaltet? Zu privat wirkt es gar manchmal, zum Finale zerfasert es, als wüsste auch das sonst präzise agierende Ensemble nicht so recht, warum es das eigentlich alles tun soll. Es führt ja doch zu nichts.

Und so bleiben abschließend wiederum Äußerlichkeiten, die veranschaulichen, wie der Inszenierung trotz unterhaltender Momente Kraft und Sinn und, ja, wahrscheinlich auch Seele fehlen: Den Kostümen sind jegliche Farben abhandengekommen, wie symptomatisch. Was eh schon pastell war, ist nun gänzlich verblasst.

„This is the end, my only friend, the end“, singt der Eliza mit Jim Morrison, womöglich emanzipiert, wer weiß das, egal auch, sein Anzug ist jetzt jedenfalls pink. Mauer Applaus, enttäuschte Buhs nach anderthalb Stunden, die sich länger angefühlt haben; die Schauspieler schauen erschöpft, aber nicht glücklich. Dieses „Pygmalion“, es wirkt wie ein nicht zu Ende gedachter Versuch.

„Pygmalion“, wieder am 26. und 31.3., 20 Uhr, 8.4., 19.30 Uhr und 9.4., 20 Uhr, Thalia (Alstertor), Karten zu 10,- bis 52,- Euro unter T. 32 81 44 44