Hamburg

Tanzproduktion „Sun“ begeistert auf Kampnagel

Hofesh Shechter zeigt Gaukler und Sommerfrischler in atemberaubendem Tempo

Hamburg. Die Sonne leuchtet nur ab und zu, ein gigantischer Scheinwerfer hinter einem gehaltenen Betttuch. Da ist der Zuschauer schon vorgewarnt. „Ihr werdet uns niemals kriegen“, raunt eine dunkle Männerstimme aus dem Off. „Dies ist eine einfache Geschichte von Hell und Dunkel, Weiß und Schwarz.“ Und gleichsam als Pille für das nun kalkuliert beunruhigte Publikum wird kurz das Happy End vorneweg getanzt: Ein harmonisch und munter hüpfender Haufen aus Gauklern und barock gewandeten Sommerfrischlern.

So harmonisch verläuft „Sun“, das neue Werk des in London lebenden israelischen Choreografen und ehemaligen Batsheva-Dance-Company-Tänzers Hofesh Shechter natürlich nicht. Wie man es von diesem politisch denkenden Künstler erwartet. Das Publikum in der ausverkauften großen Kamp­nagelhalle jedenfalls zeigt sich begeistert. „Sun“ liefert schließlich das große Spektakel, visuell, tänzerisch, inhaltlich – mit etlichen wohl platzierten radikalen Brüchen.

Da zuckeln, von Tänzern gehalten, Schafe aus Pappmaché über die Bühne. Bis sich ein Wolf daruntermischt und ein gellender Frauenschrei ertönt. Die Idylle, gemeint ist das ländliche London, erweitern bald Verweise auf das British Empire und seine Folgen. Pappmachésklaven treten ebenso auf wie -kolonialherren, dazu ein überdrehter Entertainer und ein trauriger Pierrot. Seine Kritik an globaler Ausbeutung hat Shechter in seiner Heimat nicht nur Freunde eingebracht. Wer sich unangenehm angefasst fühlt, kann sich immer noch an den virtuosen 13 Tänzerinnen und Tänzern erfreuen – ihren großen Gruppentableaus und berührenden Duetten, häufig mit erhobenen Armen und ausladenden Schritten.

Das Tempo ist fast ohne Pause atemberaubend hoch. Shechters Wurzeln als gelernter Schlagzeuger sind spürbar in einem basslastigen Soundtrack, durchzogen von ekstatischen Trommelrhythmen. Shechter weiß, wie man eine Atmosphäre der Bedrohung erzeugt. Und die lauert allezeit hinter den freundlich-hellen Kostümen, den so ästhetisch sich bewegenden Körpern. Wo die Sonne scheint, gibt es bekanntlich auch Schatten. Manchmal mehr als auf Anhieb erkennbar.

Hofesh Shechter: „Sun“ 12.3., 20.00, Kampnagel, Jarrestr. 20-24, Karten zu 12,- bis 32,- unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de