Altonaer Museum

Besessen von der eigenen Schaffenskraft

Horst Janssens Collage „Zu Paranoia, es werden ... Idiotenfragen gestellt“ (1981)

Horst Janssens Collage „Zu Paranoia, es werden ... Idiotenfragen gestellt“ (1981)

Foto: Galerie Brockstedt © VG Bild-Kunst Bonn 2016

Das Altonaer Museum widmet dem Hamburger Zeichner und Grafiker Horst Janssen bis zum 3. Juli eine große Ausstellung.

Hamburg.  In den 1980er-Jahren, dann noch einmal Mitte der 90er gab es eine solche Fülle an Horst-Janssen-Ausstellungen von Hamburger Museen, Sammlern und Galeristen, dass irgendwann beim Publikum ein gewisser Sättigungsgrad erreicht war. Doch nun, mehr als 20 Jahre nach Janssens Tod 1995, hat sich das Altonaer Museum daran gemacht, den Blankeneser Zeichner und Grafiker, der einst in dieser Stadt in aller Munde war, wieder in einer Ausstellung zu würdigen. Sie fördert zwar wenig Neues zu Tage, doch führt sie einmal mehr Janssens Einzigartigkeit vor Augen.

Neben rund 240 Werken inklusive sehr schön gestalteter Notizbücher, witziger Einkaufszettel, Briefe, Stempel und anderem hat der Hamburger Filmemacher Hinrich Lührs aus dem kompletten Material, das Peter Voss-Andreae für seinen Janssen-Film „Ego“ verwandt hatte, etwas Neues geschaffen: Vier ruhige Film-Schleifen, die ganz ohne schnelle Schnitte auskommen, zeigen den Künstler zu Hause, im Atelier, beim Zeichnen, mit Freunden oder bei Ausstellungseröffnungen. Und da sie inmitten der Bilder projiziert werden, mischen sich diese Filmdokumente gewissermaßen unter sie. Da Janssens Kunst nicht von seinem Privatleben und seinem öffentlichen Auftreten zu trennen ist, ist das nur folgerichtig. Einziger Wermutstropfen: Die unterschiedlichen Tonspuren überlagern sich, das irritiert.

Wichtiger aber ist, dass die bedächtige Kameraführung der Langsamkeit des Sehens ähnelt, die Horst Janssen sich zu eigen machte, als er bei seinem Lehrer Alfred Mahlau das Zeichnen lernte. Sämtliche seiner Schüler habe Mahlau in die Disziplin des Sehenlernens eingeführt, erklärte Janssen 1980 in einer Gedenkrede auf ihn. „Ja, er öffnete im genauen Wortsinn uns allen die Augen.“ Die Filmfragmente von Hinrich Lührs geben außerdem den Blick frei auf Janssens vollgerümpelte Behausung mit echtem Skelett und ausgestopfter Eule. Solche Details bestätigen zwar den Künstler-Mythos, den Janssen selbst gern inszenierte. Aber sie zeigen eben auch die Realität dieses manisch-depressiven Paranoikers, der aus der Zeit gefallen war: Er blieb stets dabei, mit der die Kunstwelt beherrschenden Abstraktion so gar nichts am Hut zu haben. Dem stets „zu hell brennenden Licht“ in seinem Kopf (Janssen) setzte er ununterbrochene Produktivität entgegen, weshalb eine der sechs „Themen-Inseln“, die die Kuratorin Helene Roolf zusammengestellt hat, „Nulla dies sine linea“ (Kein Tag sei ohne Linie) betitelt ist.

Beileibe zeigt diese Ausstellung nicht nur Meisterwerke. Hier geht es darum, dass die Besucher in die Welt Janssens eintauchen. Auch unfertige Zeichnungen werden gezeigt, eine Radierplatte, persönliche Briefe an seine Freunde und Förderer. Die lassen ein Muster erkennen: Im Suff hatte Janssen abends ein Blatt verschenkt, verkauft oder weggegeben, das er am nächsten Morgen auf das Schärfste und mit Formulierungen am Rande der Beleidigung zurückverlangte. So auch 1993 ein mäßig gelungenes Titelblatt für das Hamburger Abendblatt mit zwei Osterhasen, das er zuerst dem damaligen Feuilleton-Chef übergab, um es am nächsten Morgen barsch zurückzufordern.

Das Ausstellungsplakat, das Janssen für Alfred Mahlau anfertigte, ist vielleicht auch deshalb so gelungen, weil er seinen Lehrer wirklich verehrte. Jedenfalls formen Buchstabenblöcke rechts und links eine Art Häuser-Architektur, in deren Mitte ein Fluss fließt, und auf ihm schippern lauter Maler- und Zeichenutensilien. Überhaupt gehören Janssens Plakate und Schallplatten-Hüllen zum Besten seines gesamten Oeuvres, ebenso seine verwelkenden Blumen und so manche körperhaft behaarte Landschaft.

Der vielseitige Künstler verstand sich auf Fernwirkung, sein Akt-Plakat für den Galeristen Hans Brockstedt ist sensationell, aber jenseits solcher Auftragsarbeiten leistete der Egomane Janssen es sich, seine gesamte Subjektivität, seine erotischen Fantasien, Wut, Sehnsucht, Selbsthass und Trennungstraurigkeit zu verewigen. Selbst die eigene Impotenz war ihm ein vollgepfropftes, stark beschriebenes Plakat wert, auf dem er dickwanstig über einer Reihe mit Zigarettenkippen gefüllten Kaffeetassen zusammengebrochen ist.

„Die Zeichnerei hat mir sozusagen erspart, Tagebuch zu schreiben“, hat Janssen einmal gesagt. So intensiv wie er haben nur wenige Künstler die eigenen Höhenflüge und Abstürze in ihre Kunst integriert, in Selbstporträts, Bilder seiner Frauen und Freunde, von norddeutschen Landschaften, auf Fotos und Postkarten. In dieser Ausstellung bekommt der Besucher sie zu sehen – und wird dabei immer wieder mit Janssens Anspielungen auf die Vergänglichkeit konfrontiert.

Der Horst Janssen Archipel“ bis 3. Juli, Di–So 10.00–17.00, Altonaer Museum (S Altona), Museumstr. 23, Eintritt: 7,50, erm. 4,50 Euro