Hamburg

Eine schreckliche Gesellschaft

Die Inszenierung von Orhan Pamuks Roman „Schnee“ hatte Premiere am Thalia Gaußstraße

Hamburg.  Zu Beginn des Abends stehen die sieben Schauspieler mit ihren hoch aufgetürmten, langhaarigen, zerzausten, weißblonden Perücken und in ihren schwarzen Kleidern eng aneinander geschmiegt, summend in der Bühnenmitte, einem aufgebrochenen Oktagon mit blauen Kacheln (Bühne: Paula Wellmann). Sie sehen aus wie eine geschlossene Tulpenblüte, ein lebender Organismus, ein aufeinander eingespieltes, voneinander abhängiges System. Einer für alle, alle für einen. Individualismus existiert hier nicht.

Die nestartigen, langen, flusigen Haare wirken wie Schnee, der sich monatelang aufgetürmt hat. Ihre Kleider (Kostüme: Josa David Marx) – oberhalb der Taille aus netzstrumpfartiger Gaze, unterhalb als langer Rock – haben etwas Mönchisches. Der Gesang klingt gregorianisch, dann wieder wird gelacht, gekreischt, gekniet, gesummt, getuschelt. Fremdartige, an Sekten erinnernde Rituale werden vollzogen, sehr artifizielle, verschwörerische Exerzitien. Und als die ersten Worte fallen in Ersan Mondtags Inszenierung „Schnee“ nach dem Roman des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk, die am Donnerstag im Thalia Gaußstraße Premiere hatte, schaut man schon gebannt auf diese eigenartigen, irgendwie verzaubernden Menschen.

„Es beginnt mit einer Reise“, sagt einer aus der Gruppe und richtet den Blick in den Zuschauerraum, wo der imaginierte Dichter steht, der zwölf Jahre im Exil gelebt hatte, bevor er nun in diese ihm fremde Welt zurückkehrt. Nacheinander sprechen Einzelne mit dem Dichter, den sie verehren, dem sie aber auch Fragen nach Säkularismus und Religion stellen. „Steht die Regel Gottes höher oder die des Staates?“

Es geht um Mädchen, „die sich bedecken wollen“ und die man nicht in die Uni lässt. Um Frauen, die ihre Autonomie dadurch erhalten wollen, dass sie sich umbringen. Der Dichter kommt zurück, um diese religiös begründeten Selbstmorde zu erforschen. Als Person bleibt er eine Leerstelle, taucht nie auf. Die Darsteller sprechen ihre Fragen quasi ins Nichts und können sich ihre Antworten nur selbst geben. So verrennen sie sich in Behauptungen wie „Wenn ich mein Haupt entblöße, mache ich Männer an“. Gruppendruck und Gehorsam, stumme Blicke, eingeübte Rituale, all dies soll eigenständiges Denken und Handeln verhindern. Orhan Pamuk beschreibt es in seinem Roman, wenn er die Unmöglichkeiten eines türkischen Modernisierungsprozesses zeigt und die Schrecklichkeiten einer patriarchalischen Gesellschaft.

Ersan Mondtag setzt klug nur wenige Stellen aus dem Roman um, arbeitet stattdessen mit Choreografien, die bei aller Schönheit auch das Zwanghafte sichtbar machen. Wer da aus der Reihe tanzt, hat verloren, wird zum Außenseiter, macht etwas falsch. Gleiches gilt für die Musik, die gesungen und auch gespielt wird. Die sphärische Trompetenmusik, das ekstatische Tanzen dienen der ständigen Selbstvergewisserung, dass man sich nur in der Gruppe sicher fühlen kann vor den Bedrohlichkeiten der Außenwelt.

Sebastian Zimmler beherrscht die Intensität, die hinter den Forderungen und Fragen steht, besonders gut. So gut, dass er Zornesausbrüche hat, wenn die erwartete Antwort ausbleibt. Er brüllt den imaginierten, säkularen Professor an, der die Mädchen aussperren ließ. Die anderen Darsteller (Marie Löcker, Pascal Houdus, Thomas Niehaus, Steffen Siegmund, Tilo Werner) gehen dabei im Kreis oder werfen sich nieder und kommentieren wie ein antiker griechischer Chor: „Die Hinrichtung von Ungläubigen ist Pflicht.“ Mal geht das Licht aus, und Cathérine Seifert erzählt von einem Science-Fiction-Roman. Ein Hans Hansen benannter Journalist dient als abschreckendes Beispiel dafür, dass man sich im Westen nicht wohl fühlen sollte. Alle tanzen wie Derwische, wild und fremdartig. Auch die unverständlichen Botschaften dieses Abends werden sehr ästhetisch, sehr artifiziell vermittelt. Der Raum scheint zu schweben. Am Ende sitzen alle Darsteller an einem langen schwarzen Tisch, falten die Hände, streichen über die Platte und schauen sich sehr lange wortlos an. Man ist ratlos. Was jetzt?

„Schnee“ Thalia Gaußstraße, 3./6./19.3.,
Karten zu 22 Euro unter T. 32 81 44 44